DAS LEERE KOSTÜM UND DER MYTHOS SUBCOMANDANTE INSURGENTE MARCOS


Juni 2014 

Von Raina Zimmering

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Am 25.5.2014 hörte der Sprecher des Zapatistischen Heeres der Nationalen Befreiung  – EZLN, der legendäre Subcomandante Insurgente Marcos, nach 20 Jahren auf zu existieren. Der Mann hinter der Maske ist nicht gestorben, sondern die so genannte Kunstfigur, die durch ihr Kostüm  – Uniform, Pasamontaña, Halstuch, Mütze, Pfeife -, ihre Reden, Geschichten und Erzählungen in der ganzen Welt bekannt war, wurde von dem Dahintersteckenden – oder besser den Dahintersteckenden, denn es waren mehrere -, aufgegeben. Es war eine kollektive Entscheidung der EZLN.

Vor einer großen Menschenmenge in dem symbol- und geschichtsträchtigen Ort  La Realidad verabschiedete sich Marcos am Ende der Trauerfeier für den ermordeten Lehrer Jose Luis Solis Lopez, genannt Galeano. Seine Rede war eine Art Resümee der Entstehung und Entwicklung der EZLN. Am Schluss stieg Marcos die Stufen der Tribüne herab. Dann verschwand er in der Dunkelheit, um nie wieder zu kehren. Als die Lichter wieder angingen, wurde sein leeres Kostüm herumgezeigt. So teilte er nicht das Schicksal seiner selbst ernannten mythischen Vorgänger wie El Cid, Robin Hood, Zorro, Emiliano Zapata und Che Guevara,  die alle im Kampf starben. Auch Don Quichotte, der bei Cervantes auf dem Sterbebett liegend den Unsinn der Ritterbücher erkannte, teilte ein anderes Schicksal. Weder lag Marcos auf dem Sterbebett, noch bezeichnete er den Zapatismus als Unsinn oder Irrtum. Aus dem Gewand eines Mythos zu steigen, ohne zu sterben, ist etwas Neues.

In seiner Rede resümierte Marcos die über 20-jährige Geschichte der Zapatisten, den Aufbau ihrer autonomen Strukturen, die Umverteilung von Land, die Errichtung eines funktionierenden Gesundheits- und Bildungssystems, und endete mit dem von paramilitärischen Mördern in La Realidad grausam getöteten Galeano. Marcos sagte, dass wenn einer, der gestorben ist  wieder leben soll, ein anderer sterben muss. Ab nun nannte er sich Marcos  Subcomandante Insurgente Galeano. Außerdem gab er zu verstehen, dass die Zapatisten keine Figuren wie ihn mehr brauchen, um sich zu konsolidieren. Er sei jetzt nicht mehr nötig. Eine neue Generation hätte die Geschicke der Zapatisten übernommen und diese müssten nicht auf solch eine Figur wie Marcos zurückgreifen.


Marcos prägte 20 Jahre entscheidend das Gesicht der EZLN nach außen. Er war Symbol für die Vereinigung der westlichen mit der indigenen Welt und übersetzte die Ziele der aufständischen Indigenas in Chiapas für die Außenwelt. Der begabte Geschichtenerzähler konnte mit seinen Erzählungen – wie der vom alten Antonio, von dem Indianermädchen Toñita und vom Käfer Durito – Menschen ganz verschiedener Welten und Kulturen begeistern. Er konnte den Kampf der Indigenen für mehr Würde und Gleichberechtigung, für Selbstbestimmung und soziale Gleichheit verständlich machen und erreichte dadurch eine weltweite Wirkung. Marcos war Sprecher und lange Zeit auch Oberkommandierender der EZLN. Von dieser Funktion war er kurze Zeit vor seinem generellen Abschied ebenfalls zurückgetreten. Er war nicht nur eine Kunstfigur für die Außenwelt, sondern prägte auch das Selbstverständnis der zapatistischen Basis selbst. Auf den Wandbildern in den zapatistischen Gemeinden taucht neben indigenen Motiven immer wieder Marcos auf, oft zusammen mit Che Guevara und Zapata oder auch mit der Virgen de Guadalupe (der mexikanischen Nationalheiligen). Dies verweist auf die mythische Bindekraft seiner Figur für die Indigenas. Für sie war er Ausdruck ihres Aufstandes, ihres militärischen Schutzes und des Dialogs mit der Außenwelt.


Marcos war Ausdruck des Zusammenfließens eines neuen modernen und selbstbewussten Indigenismus mit einer modernen, auf marxistisch-libertären Wurzeln fußenden Linken. Er war Vertreter dieser Richtung und nicht nur ein Schauspieler, der seine Lektion vom Regisseur – den Indigenen – gelernt hatte. Er wurde zu einem Mythos, der mit dem Zapatismus verschmolz, da er ihn selbst mit schuf. Der Zapatismus und Marcos waren nicht voneinander zu trennen. Sie gaben linken Bewegungen in der ganzen Welt neue Ausdrucksformen, eine neue Sprache und ein neues Verständnis von Widerstand, das sich in Gewaltlosigkeit, Machtabstinenz und neuen Lebensweisen wie der Verschränkung von Öffentlichkeit mit Privatheit manifestierte.


Allerdings nahm Marcos in seiner Abschiedsrede kaum Bezug auf die beschriebene Vermittlerfunktion zwischen Zapatisten und Linksliberalen, er betonte vielmehr die Vermittlung gegenüber den westlichen Medien, die über ihn den Zapatismus rezipierten und seine Figur unterschiedlich interpretierten. Deshalb sagte Marcos auch am 25.5.2014, dass nach dem Aufstand 1994 nur er als einziger maskierter Mestize (Mischling) von den Medien wahrgenommen und interviewt wurde. Zu diesem Zeitpunkt kam die EZLN auf die Idee, Marcos zu kreieren: »Und so begann eine kompliziertes Ablenkungsmanöver, ein riesiger und wunderbarer Zaubertrick, ein listiges Spiel des indigenen Herzens, welches wir sind, die indigene Weisheit forderte die Modernität in einer ihrer eigenen Bastionen heraus: den Kommunikationsmedien. Und da begann dann die Konstruktion einer Figur, die ›Marcos‹ heißt.« (Marcos 2014) Der Rede war zu entnehmen, dass die Massenmedien ein Bild von Marcos entwarfen, das von der Wirklichkeit des Zapatismus ablenkte, dass Marcos zum „Alleinunterhalter“ wurde und in dessen Schatten der Krieg der mexikanischen Regierung und der Paramilitärs gegen die zapatistischen Gemeinden weiter geführt und intensiviert wurde.


So wie die Zapatisten keine Verhandlungen mehr mit der Regierung und politischen Parteien durchführten, verweigerten sie sich zunehmend den offiziellen Medien. Im Gegenzug festigten sich die Beziehungen zu den zapatistischen AnhängerInnen der nationalen und internationalen Zivilgesellschaft.  Dies zeigte sich darin, dass zu den Trauerfeierlichkeiten für den ermordeten Lehrer Galeano keine offiziellen, sondern nur alternative freie Medien zugelassen wurden. Wer etwas über den Rücktritt von Marcos erfahren wollte, musste sich an diese Medien wenden. Da die Kontakte zu den UnterstützerInnen inzwischen gut organisiert sind, brauchen auch diese keine Mittlerfigur wie Marcos mehr, um den Zapatismus zu verstehen. Die Funktion des Mittlers wie auch des Mythos´ zur Sinnkonstruktion für die nichtzapatistische und zapatistische Öffentlichkeit  hatte sich vorerst erledigt.


Hintergrund des leeren Kostüms ist ein Paradigmenwechsel im Zapatismus. Die Zapatistischen Gemeinden konnten sich stabilisieren und ihre egalitären Strukturen erfolgreich aufbauen, beispielsweise ein effektives Gesundheitswesen, das selbst bei den nichtzapatistischen Bewohnern von Chiapas sehr begehrt ist. Die zweite Generation der in den aufständischen Gemeinden aufgewachsenen Zapatisten hat wichtige Funktionen übernommen und verfolgt nun eigene Zielstellungen. Es wird deutlich, dass die neuen Zapatisten ihre ganze Kraft der Stärkung der Strukturen widmen und dabei auch neue Wege beschreiten wollen. Auf der anderen Seite hat die Gewalt durch den antizapatistischen herrschenden Block gegenüber den zapatistischen Gemeinden eine neue Qualität angenommen. Dass Paramilitärs in La Realidad eindrangen, ist ein gewisses Novum, zumindest seit 2003. Ein Überdenken des Sicherheitskonzepts der Zapatisten steht damit ebenfalls auf der Tagesordnung. In der letzten Zeit hatten in den zapatistischen Gemeinden  Escuelitas (kleine Schulen) stattgefunden. Internationale SympathisantInnen kamen, um zu lernen, was der Zapatismus bedeutet und hielten sich eine gewisse Zeit als eine Art PraktikantInnen in den zapatistischen Gemeinden auf. Weitere Escuelitas wurden aber nach der Zunahme paramilitärischer Übergriffe abgesagt. Die Ermordung des Lehrers Galeano war dabei ein Scheidepunkt.


Es ist möglich, dass die Zapatisten nun auf der Basis der Stärkung ihrer Strukturen und der Festigung der Verbindung zur internationalen Zivilgesellschaft ihre Haltung einer strikten, und leider oft undifferenzierten Zurückweisung anderer linker Kräfte in Mexiko durch die EZLN neu definieren wollen. Aus einigen Interviews mit Marcos ging hervor, dass er einer der vehementesten Vertreter der pauschalen Abgrenzung zu Parteien generell und anderen linken Organisationen in Mexiko war (vgl. Marcos 2009). Der Synkretismus und das Verbindende seiner großartigen Geschichten griffen hier nicht. In dieser Hinsicht war Marcos nicht Mythos, er war hier realpolitischer Vertreter einer bestimmten Richtung innerhalb der EZLN, die sich isoliert und von vielen linken Kräften separiert hatte, die ursprünglich mit den Zapatisten sympathisierten und diese auch in politischen Fragen berieten. Frühere UnterstützerInnen und BeraterInnen von Marcos wendeten sich von ihm ab, da sie ihn zunehmend als Hindernis für eine breite Linke in Mexiko betrachten. Dabei spielt die Entscheidung der EZLN, Manuel Lopez Obrador/AMLO bei den Präsidentschaftswahlen 2006 nicht zu unterstützen, eine große Rolle.  Damals fehlten Obrador trotz Wahlbetrugs  0,56 Prozent zum Sieg.  Für viele war dies die Ursache für den schrankenlosen Neoliberalismus der Regierung der PAN (rechtskonservative Partei der Nationalen Aktion) und das spätere Comeback der PRI (Partei der Institutionalisierten Revolution, die die neoliberale Wende schon vor 30 Jahren eingeleitet hatte). Obwohl nicht klar ist, ob Manuel Obrador von der Mittelinkspartei  PRD (Partei der Demokratischen Revolution) die Neoliberalisierung des Landes aufgehalten hätte und obwohl seine Partei außerdem an Massakern gegenüber den Zapatisten auf lokaler Ebene beteiligt war, soverbaute die generelle Zurückweisung aller mit der PRD verbundenen Kräfte und pauschale Verurteilung aller Intellektuellen durch Marcos den Zugang zu UnterstützerInnen, die für die Zapatisten wichtig wären und für den Aufbau einer breiten linken Bewegung in Mexiko, die sowohl aus Anhängern der Zivilgesellschaft als auch aus Mitgliedern verschiedener politischen Organisationen bestehen könnte. Offensichtlich hatte sich der oder die Mythenträger Marcos von dem Mythos Marcos zu sehr entfernt und Realfigur und Mythos fielen auseinander.


Lässt man die hinter Marcos stehende politische Richtung beiseite und wendet sich wieder der symbolischen Kunstfigur zu, so muss man sich fragen, ob ein Mythos, der gemeinschaftsbildend wirkte und ein neues Verständnis für alternative kulturelle Räume herstellte, einfach abtreten, die Treppe hinunter steigen und in der Dunkelheit verschwinden kann? Ist ein Mythos an sein Ende gekommen, wenn der Mythenträger verschwindet? Mythen bilden sich zum großen Teil über die Erinnerung und das Gedächtnis. Der Mythos Marcos, dessen Bindekraft innerhalb des Alltags – d.h. kommunikativen Gedächtnisses – in den letzten Jahren merklich nachließ, wird höchstwahrscheinlich nach dessen Verschwinden eine Wandlung erfahren und dieses Mal über das kulturelle Gedächtnis eine neue sinnstiftende Wirkung erreichen. Auch wenn das leere Kostüm die Paradoxie der Figur von Marcos deutlich macht, werden der Mythos und das, was ihn in einer konkret historischen Zeit verkörperte, weiter leben. Man kann sich nicht vorstellen, dass das Bild von Subcomandante Insurgente Marcos auf den zahlreichen Wänden der Häuser der Zapatisten weggekratzt wird. Hier steht er nun wie Zapata und Che Guevara als historische Figur, die nach den jeweiligen Bedürfnissen der Rezipienten für die Gegenwart interpretiert und integriert werden kann.


LITERATUR


Subcomandante Insurgente Marcos 2014: Zwischen Licht und Schatten, in: Brief, vorgetragen am 25.5.2014 in La Realidad, Chiapas, Mexiko

Subcomandante Insurgente Marcos 2009: Kassensturz, Hamburg

sh. auch    http://www.zeitschrift-luxemburg.de/das-leere-kostuem-und-der-mythos-subcomandante-insurgente-marcos/  

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