Zimmering, Raina: Trägt das deutsch-mexikanische Sicherheitsabkommen zur Eingrenzung oder zur Verstärkung der Menschenrechtsverletzungen in Mexiko bei? In: Peripherie Nr. 138/139, August 2015: 336-354; ISSN 0173-184X, ISBN 978-3-89691-840-6;


Auszug:

Einführung

Bei der deutschen Entwicklungszusammenarbeit geht es darum, Entwicklungsunterschiede in von Armut, Krisen und wirtschaftlicher Rückständigkeit betroffenen Ländern abzubauen. In Wikipedia kann man lesen:  „ Entwicklungspolitik ist ein Überbegriff für staatliche Programme, die die politische, wirtschaftliche und soziale Situation in unterentwickelten Staaten verbessern sollen.“1 Meistens werden unter Entwicklungszusammenarbeit mehr oder weniger die Bereiche des Ressourcentransfers, der Flüchtlings-, Hunger-, Katastrophen- und humanitäre Hilfe in Länder verstanden, die Entwicklungsprobleme haben. Auch Mexiko fällt für das Auswärtige Amt in den Bereich der Entwicklungszusammenarbeit, obwohl es OECD-Land ist. Der Sicherheitsbereich ist in der Entwicklungszusammenarbeit jedoch meistens weitgehend ausgeklammert, was ein großes Manko innerhalb der Analysen und der politischen Beurteilung derselben darstellt. Zwischen den Ländern des globalen Südens und dem globalen Norden existiert traditionell eine intensive Zusammenarbeit im Sicherheitsbereich, die von der nachkolonialen Entwicklung an mit den  Ländern Lateinamerikas, Asiens und Afrikas bestand, innerhalb der Blockkonfrontation von den jeweiligen Blöcken stark instrumentalisiert wurde und nach der Beendigung der Blockkonfrontation und besonders nach dem 11.September 2001 eine neue Zäsur erfuhr.  Länder in traditionellen Einflussgebieten von entwickelten Staaten, Krisen- und Konfliktgebieten stehen im Mittelpunkt dieser Zusammenarbeit. Fragen der Bekämpfung des Drogenhandels und des organisierten Verbrechens,  der Gewaltprävention und der Schutz der Menschenrechte sind die üblichen Begründungen für die Sicherheitszusammenarbeit. Dabei werden oftmals wirtschaftliche und strategische Interessen  als Motivation für die Sicherheitskooperation in der Außendarstellung ausgeklammert.  Die Frage in dieser Schrift ist, ob Gewaltprävention, Bekämpfung des Drogenhandels und der Schutz der Menschenrechte durch die deutsch-mexikanische Sicherheitszusammenarbeit am Beispiel des deutsch-mexikanischen Sicherheitsabkommens den Prämissen der Entwicklungspolitik, die politische, wirtschaftliche und soziale Situation in den Partner- Staaten zu verbessern, gerecht werden kann. ...

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 1    Wikipedia: Entwicklungszusammenarbeit.   http://de.wikipedia.org/wiki/Entwicklungszusammenarbeit.   Downloaded am 26.02.2015.

Wissenschaftliche Artikel - Auszüge

… sh. auch Publikationen

Zimmering, Raina: Der Abschied einer Legende. In: Lateinamerika anders. Österreichische Zeitschrift für Lateinamerika und die Karibik. Nr.3 Juli 2014: 16/17. ISSN 1028-9453.


Auszug:

Am 25.05.2014 hörte der Sprecher des Zapatistischen Heeres der Nationalen Befreiung – EZLN, der legendäre Subcomandante Insurgente Marcos nach 20 Jahren auf zu existieren. Der Mann hinter der Maske ist nicht gestorben, sondern die sogen. „Kunstfigur“, die durch ihr Kostüm , Uniform, Pasamontaña, Halstuch, Mütze, Pfeife, ihre Reden, Geschichten und Erzählungen in der ganzen Welt bekannt war, wurde von dem der dahinter steckte oder denen die dahinter steckten (denn es waren mehrere) und seinen Protagonisten der EZLN aufgegeben. Es war eine kollektive Entscheidung der EZLN.  

Vor einer großen   Menschenmenge in dem symbol- und geschichtsträchtigen Ort  La Realidad verabschiedete sich Marcos am Ende der Trauerfeier für den ermordeten Lehrer Jose Luis Solis Lopez, genannt Galeano. Seine Rede war eine Art Resümee der Entstehung und Entwicklung der EZLN. Am Schluss stieg Marcos die Stufen der Tribüne herab. Dann verschwand er in der Dunkelheit, um nie wieder zu kehren. Als die Lichter wieder angingen, wurde sein leeres Kostüm herumgezeigt. So teilte er nicht das Schicksal seiner selbst ernannten mythischen Vorgänger wie El Cid, Robin Hood, Zorro, Emiliano Zapata und Che Guevara,  die alle im Kampf starben. Auch Don Quichotte, der bei Cervantes auf dem Sterbebett liegend den Unsinn der Ritterbücher erkannte, teilte ein anderes Schicksal. Weder lag Marcos auf dem Sterbebett, noch bezeichnete er den Zapatismus als Unsinn oder Irrtum. Aus dem Gewand eines Mythos zu steigen, ohne zu sterben, ist etwas Neues. ...

Zimmering, Raina: Clases sociales y movimientos sociales en America Latina? In: Konferenzband des VII Cologuio Internacional Marx y Engels. Centro des Estudios Marxistas Cemarx. Brasilien 2012

http://www.ifch.unicamp.br/formulario_cemarx/selecao/2009/trabalhos/clases-sociales-y-movimientos-sociales-en-america-latina.pdf


Auszug:

¿Como se enseñan las relaciones de clase en movimientos sociales en America Latina?

Los resultados negativos de la globalización neoliberal, el rechazo del estado de su responsibilitad social en los años 1990, erosiones sociales duras en grandes partes de las capas medias y el crecimineto de la pobreza de la población produjó una ola de movimiemtos sociales en América Latina los que fueron responsables por el cambio de casi todos los gobiernos latinoamericanos en los últimos veinte años. Los movimientos fueron iniciadores o actores por sus mismos de profundos procesos de transformación. Estos movimientos que abarcaron grandes grupos de gente no tienen una base social común, vienen de diferentes clases socioeconómicas, estan organizados en redes, sino hirargicamente sino horizontalmente y estan orientados en ciertas temas, no en projectos grandes de la transformación de toda la sociedad. En la mayoría de los casos rechazan utilizar violencia y declaran inadmisible también la toma de poder estatal.

Estaría interesante de responder la pregunta si las transformaciones políticas en la marioría de los países latinoamericanos no son producto de la lucha de clases y, dependiente de eso, que caracter tienen las transformaciones.

En la conciencia de movimientos sociales en América Latina en los últimos treinta años, los de indígenas, de campesinos o de capas urbanas en las cuidades hay en general otra definición de clase como en el marxismo original.

La noción de calse marxista y la noción de la sociedad civil como dos lineas en el pensamiento de liberación

Segun los marxistas/leninistas califica la noción de “clase” su posición en el sistema de la producción 2 social y su relación a los medios de producción. En el capitalismo haría solo dos clases principales en el proceso de producción capitalista – la de los trabajadores y la de la burguesía. Pero Marx por su mismo asentó estas clases no solo en su posición en la producción, sino también en sus condiciones comunes de existencia, en su manera de vida, en la educación y la organización política,3 estos componentes los que más tarde Pierre Bourdieu calificó como capital social, capital cultural y capital económico.4  …


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2  Karl Marx: Das Kapital: Kritik der politischen Ökonomie: Band 1: Der Produktionsprozess des Kapitals: Band 2: Der Zirkulationsprozess des Kapitals; Band 3: Der Gesamtprozess der kapitalistischen Produktion. Dietz, Berlin 1987.

3  Karl Marx: Die Klassenkämpfe in Frankreich 1848-50. In: Karl Marx (Hrsg.): Neue Rheinische Zeitung. Ausgabe 1, Köln 1848. und Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte. In: Joseph Weydemeyer: Die Revolution. Eine Zeitschrift in zwanglosen Heften., New York 1852.

4  Pierre Bourdieu: Ökonomisches Kapital, kulturelles Kapital, soziales Kapital. In: Pierre Bourdieu: Schriften zu Politik und Kultur: Die verborgenen Mechanismen der Macht. VSA, Hamburg 1992.

Zimmering, Raina: Macht der Landlosen. In: WeltTrends Nr. 85, Juli/August 2012 „Brasilien. Land der Gegensätze.“ Potsdam, Universität Potsdam . ISSN 0944-8101.


Besitzt die MST ein Tranformationspotential für die brasilianische Gesellschaft?


Wenn in den offiziellen Medien von Brasilien die Rede ist, geht es in erster Linie um dessen wirtschaftliche Erfolgsbilanz als neue Wachstumswirtschaft, die kürzlich Großbritannien von Platz sechs der Weltwirtschaft auf Platz sieben verwies. Das gleiche Schicksal kann 2015 Frankreich widerfahren, das bis jetzt Platz fünf einnimmt. Als Mitglied der BRICS-Staaten (Brasilien, Russland, Indien, China und Südafrika) nimmt es an einem weltweiten Machtverschiebungs- und Umstrukturierungsprozess der Weltgesellschaft teil, der erst durch den letzten BRICS-Gipfel im März 2012 in New Delhi mit der Gründung einer eigenen Entwicklungsbank und einem weitgehenden Ausstieg aus dem Dollarraum neue Brisanz gewonnen hat.5 Auch ist die Rede von der aufstrebenden Regionalmacht und Initiator einer kontinentalen Integrations- und Entwicklungsinitiative in Form der Bank des Südens, der Schaffung einer eigenen Handelswährung des Sucre, des Marktes des Südens Mercosur oder der Südamerikanischen Union der Völker, durch die sich Brasilien vom Einfluss des IWF und der Weltbank frei machen und eine eigene unabhängige, erfolgreiche und krisenresistente Entwicklungsstrategie initiieren konnte. Brasilien ist offen für Freihandelsverträge mit westlichen Staaten, z.B. mit der EU, bei denen es in erster Linie um die Lieferung von Biosprit geht.6 In einigen kritischen Medien wird dann oftmals auf die Umwelt zerstörende Wirkung der auf Wachstum und Export orientierten Wirtschaft aufmerksam gemacht und das neue Waldgesetz, die Favorisierung von genveränderten Produkten oder riesige Staudammprojekt wie Mato Grosso verurteilt. ...


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5   Zum Gipfel in Neu Delhi: Zeit-online: Brasilien, Indien, China: was wollen die neuen Großmächte? 14.03.2012. http://www.zeit.de/2012/14/BRICS, downloadet am 18.05.2012. und Währungskrieg: BRICS-Länder machen Front gegen US-Dollar in Rossiskaja Gaseta. In: RIA Novosti, Moskau vom 12.03.2012. http://de.rian.ru/business/20120312/263032684.html, downloadet am 18.05.2012.

6  Cordier, Valeska: Westerwelle wirbt für Freihandel mit Mercosur. Frankreich weiter gegen deutsche Pläne. Außenminister lobt Brasiliens Entwicklung. In: Portal amerika 21.de vom 16.02.2012. http://amerika21.de/nachrichten/2012/02/48865/westerwelle-fuer-freihandel, downloadet am 17.05.2012.


Zimmering, Raina: Die Zapatistas in Mexiko: der antisystemische und antietatistische Charakter einer populären Bewegung. Potsdam: Universitätsverlag Potsdam, 2010. ISSN 1864-0656; ISBN 978-3-86956-046-5 


Auszug:

Die Zapatisten sind eine Bewegung, die wie kaum eine andere in den letzten 25 Jahren in der ganzen Welt eine ausgesprochen breite Rezeption erfuhr, die sich von ihrem Aufstand 1994 an bis weit in die 2000er Jahre hinein erstreckte. Sicher hing das mit vielen Faktoren zusammen. Das Wichtigste war wohl, dass diese aufständische Gruppe von Indigenen aus Chiapas in Mexiko den Zeitgeist wie keine andere traf. Sie durchbrach das lähmende neoliberale Paradigma und gleichzeitig setzte sie eine neue Fortschrittsidee in die Welt, die die Grenzen der in die Krise geratenen traditionellen Linken überschritt 7. Die Zapatisten sahen sich von einer Welle enormer Sympathie und Solidarität, besonders der neuen sozialen Bewegungen, linker Intellektueller und Politiker verschiedener Couleur und unzufriedener Jugendlicher, umspült. So entstand auch der Zapatismus, das Zusammenfließen zwischen der eigentlichen Bewegung mit der Rezeption in der ganzen Welt.


Seit Mitte der 2000er Jahre jedoch ist es still um die Zapatisten geworden. Von der breiten medialen Präsenz der 1990er Jahre ist nicht viel übrig geblieben. Subcomandante Marcos sagte in einem Interview von 2006: „…man sieht und hört uns nicht.“8 Und nicht nur das, die ehemals in den zapatistischen Bann geratenen antineoliberalen und antikapitalistischen Bewegungen gehen auf Distanz, üben herbe Kritik. Den Zapatistas wird vorgeworfen, eine falsche Bündnispolitik zu betreiben, Alleinvertretungsansprüche einzunehmen, die linke Bewegung in Mexiko zu spalten und Personenkult ihres Sprechers Subcomandante Marcos zu betreiben. Soziale Bewegungen in Mexiko, wie die APPO in Oaxaca und der Aufstand der Blumenverkäufer in Atenco, und die neuen linken Regierungen in Bolivien und Ekuador haben die volle Aufmerksamkeit emanzipatorischer Bewegungen auf sich gezogen, um Alternativen zum neoliberalen Mainstream zu konstruieren, was sich immer stärker in Richtung einer fundamentalen Kapitalismuskritik bewegt. Die Zapatisten selbst distanzierten sich seit Mitte der 2000er Jahre zunehmend von ehemaligen Unterstützern, wie das auf dem Internationalen Treffen im August 2008 von dem Sprecher der Bewegung Subcomandante Insurgente Marcos in seiner Rede mit dem Titel: „Nachdem sich die Kojoten der Solidarität nun verkrochen haben“ deutlich ausgesprochen wurde.9 In seiner Rede vermittelt Marcos, dass sich die Zapatisten von vielen ehemaligen Unterstützern ausgenutzt, falsch beraten und missverstanden fühlen. Außerdem unterstellt er ziemlich pauschal, dass die internationalen Unterstützer zur Mitte abgerückt seien, die sich nach rechts neigen würde. Sind die Zapatisten oder ihre Sympathisanten vom Zeitgeist überholt worden, haben sie sich so gewandelt, dass sie nicht mehr als adäquat für

postneoliberale Lösungen betrachtet werden können? Bricht der Zapatismus in seine Basis, die Zapatisten, und seine Rezipienten auseinander? Was ist passiert? ...


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7   Subcomandante Marcos im Caracol La Garucha 2008 zur Situation der Linken zur Zeit des Aufstandes 1994:  „Der sozialistische Block war besiegt worden, die gesamte linke Bewegung in Lateinamerika befand sich auf dem Rückzug. In Mexiko beweinte die Linke gerade ihre Niederlage, nachdem Salinas nicht nur Wahlbetrug verübt, sondern auch einen guten Teil des kritischen Gewissens der mexikanischen Linken aufgekauft hatte.“ In: Worte von Subcomandante Insurgente Marcos an die Nationale und Internationale Karawane für Menschenrechtsbeobachtung und Solidarität mit den Zapatistischen Gemeinden  am 2. August 2008. http://www.chiapas.at/ezln/kojoten_der_solidaritaet.htm. Downloaded am 30.11.2009.
8   Subcomandante Marcos: Kassensturz. Hamburg: Nautilus 2009: 51.
9   Vgl. Subcomandante Marcos im Caracol La Garucha 2008: Nachdem sich die Kojoten der Solidarität nun verkrochen haben. In:
Worte von Subcomandante Insurgente Marcos an die Nationale und Internationale Karawane für Menschenrechtsbeobachtung und Solidarität mit den Zapatistischen Gemeinden  am 2. August 2008. http://www.chiapas.at/ezln/kojoten_der_solidaritaet.htm. Downloaded am 30.11.2009.

Zimmering, Raina: Nicht für die Ewigkeit gemacht. Visualisierung des Zapatismus: Die Indigene Reinkarnation des Muralismus – der Madera-ismus. In: ila 346 Juni 2011: 14-16. ISSN 0946-5057


Auszug:

War es 1994 beim Aufstand der Zapatistas in Chiapas eine große Überraschung für die weiße Welt, in Mexiko und außerhalb, dass es doch noch so etwas „Antiquiertes“ wie eine Guerilla gab, so wunderte man sich nach und nach auch darüber, dass plötzlich wieder Wände zu sprechen anfingen und es so aussah, als wäre der Muralismus zurückgekehrt. Aber ist er wirklich zurückgekehrt, so wie der „verlorene Sohn“ heimkehrt? ...

Zimmering, Raina: Kinderarbeit Global. In: WeltTrends Nr. 60, Mai/Juni 2008: 15-20. ISSN: 30944-8101, ISBN: 3-937786-12-0


Auszug:

Es ist eine alte pädagogische Streitfrage, inwiefern Arbeit für die Entwicklung der Kinder wichtig ist. Es geht dabei um die Rolle der Arbeit bei der Herausbildung von handwerklichen und geistigen Fertigkeiten, eines kollektiven Bewusstseins, gesellschaftlicher Werte und der Stärkung des Selbstwertgefühls von Kindern. Arbeit wurde in der Reformerziehung des 20. Jahrhunderts zu einem festen Bestandteil, man denke nur an die Walddorf- und Montessouri-Einrichtungen oder an die Escuelas al Aire Libre in Mexiko. Die andere Seite von Kinderarbeit können wir bei Karl Marx, der über die Heerscharen von arbeitenden Kindern in den Textilfabriken von Manchester berichtete, oder in Zolas „Germinal“ über die Arbeit der Kinder in Bergwerken nachlesen. Es gibt verschiedene Arten von Kinderarbeit. Es geht zum einen um verträgliche, die Persönlichkeitsbildung fördernde und zum anderen um ausbeuterische und schädliche Kinderarbeit.


Child Labour – Eine traurige Realität

Auch die UNO und die Internationale Organisation für Arbeit, ILO, machen diese Unterscheidung, wenn sie von Kinderarbeit sprechen. Im Englischen wird zwischen child labour als Synonym für schädliche und ausbeuterische Arbeit und child work als nicht ökonomische Arbeit unterschieden. In der ILO-Studie von 2002 „Eine Zukunft ohne Kinderarbeit“ wird davon ausgegangen, dass insgesamt 352 Millionen Kinder im Alter von 5 bis 17 Jahren wirtschaftlich tätig sind.10 Davon sind 106 Mio. Kinder in akzeptablen Arbeiten (Teil der Jugenderziehung, leichte Arbeiten, Hilfe im Haushalt) integriert, aber 246 Mio. Kinder in Arbeiten, die nach ILO-Standard verboten sind. ...


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10   Vgl. ILO-Studie „Eine Zukunft ohne Kinderarbeit“ In: Hope Newsletter vom 01.10.2002.


Zimmering, Raina: Frauenmorde und keine Aufklärung – die Frauen von Juarez. In: UTOPIEkreativ 184/Februar 2006: 149-161. ISSN: 0863-4890. A13245


Die Millionenstadt Juárez in Mexiko an der Grenze zu den USA wurde zu einem grausamen Sinnbild für Gewalt gegen Frauen. Überall in der Stadt stehen Kreuze und Mahnmale für ermordete Frauen. In dem Artikel geht es um das Thema der schlimmsten Ausprägung von Gewalt gegen Frauen, um die Fokussierung struktureller antiweiblicher Gewalt; es geht um Mord. Es soll hier nicht nach den Tätern im juristischen Sinne gesucht, sondern nach den Ursachen für diese außergewöhnliche brutale Gewalt gefragt werden. Das Ziel besteht in der Erfassung der strukturellen Zusammenhänge zwischen der Gewalt gegen Frauen, der Unterdrückung ethnischer Minderheiten, der Ausweitung des Drogenhandels und der wirtschaftlichen und politischen Deformationsprozesse infolge neoliberaler Globalisierung.

Der Feminizid von Juárez

In den letzten 12 Jahren wurden in der Nähe von Juárez (Provinz Chihuahua) 375 Leichen von Frauen und Mädchen laut Amnesty International (AI) gefunden. Die letzten zwei Frauenleichen fand man im Sommer 2004 mitten in der Stadt Juárez, eine weitere Ermordete im Herbst in der Stadt Chihuahua.[1] Nach AI-Angaben von 2004 werden weitere 400 Frauen vermisst.[2] Es gibt andere Quellen, die von 600 bis 1 000 Vermissten ausgehen.[3] Die mexikanische Feministin Esther Chavez Cano bezeichnete die Serienmorde als Feminizid.[4] Auch Menschenrechtsaktivisten und Journalisten wurden verfolgt, bedroht und ermordet. Die in der Nähe von Juárez gefundenen Frauenleichen wurden misshandelt, 140 von ihnen waren sexuell missbraucht und gefoltert worden, wobei die Genitalorgane und andere Körperteile zerstört wurden. Die meisten Morde und Misshandlungen erfolgten nach einem sich ähnelnden Muster. 75 Frauenleichen waren derart verstümmelt, dass eine Identifizierung nicht mehr möglich war. ...


Zimmering, Raina: Das mexikanische Militär: Von der Revolutionsarmee zur Polizeikraft. In: WeltTrends 13 (2005) 49: 60-72. ISSN: 0944-8101


Auszug:

Einführung: Das mexikanische Militär – Wandel seiner Rolle und Funktion

Im Gegensatz zu anderen gesellschaftlichen Themen der mexikanischen Entwicklung ist über das mexikanische Militär erstaunlich wenig publiziert worden, was schon 1970 in einer der seltenen Arbeiten zu diesem Thema, einer Studie des Colegio de México, festgestellt wurde.11 In den letzten Jahren veröffentlichten überwiegend NGOs, kritische Militärs und außerhalb des offiziellen Wissenschaftsbetriebs arbeitende Wissenschaftler Analysen zum mexikanischen Militär, die besonders durch die Kritik des militärischen Vorgehens in Chiapas, Guerrero und Oaxaca und die Einbindung des Militärs in hemisphärische Strategien motiviert sind.

Man könnte vermuten, dass das Militär eine Art Geheimnis der mexikanischen Politik darstellt, über das lange Zeit der Mantel des Stillschweigens gebreitet wurde, um etwas zu verbergen. Was hat es nun mit dieser Institution auf sich, die viele Jahre in dem Ruf stand, die Errungenschaften der mexikanischen Revolution und die nationale Souveränität zu verteidigen, in der letzten Zeit jedoch verstärkt mit Menschenrechtsverletzungen, Korruption und Verwicklung in das Drogengeschäft zusammengebracht wurde?  ...


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11   Vgl. Lozoya, Jorge Alberto: El Ejercito Mexicano. Jornadas 65, Colegio de México. México 1984, 3°ed.

Zimmering, Raina: Neue Soziale Bewegungen in Argentinien. In: UTOPIEkreativ. Novemberheft 2005. ISSN: 0863-4890. A13245.


Auszug:

Als ich mich Ende 1989 in einem Vorortzug von Buenos Aires nach San Isidro befand, um in die malerische Ausflugsgegend der Hauptstadt am Ufer des Rio de la Plata zu kommen, machte mir ein junger Mann höflich Platz. Aus Dankbarkeit wechselte ich ein paar Worte, was für mich, meine Doktorarbeit im Kopf, gleich den willkommenen Anlass bot, Meinungsforschung zu betreiben. Damals war Menem erst kurz an der Regierung und die Menschen trugen noch den Schrecken der Hyperinflation im Gesicht. Das Ende der Diktatur war erst 6 Jahre her. Ich wollte einfach wissen, wie dieser optimistisch blickende junge Mann über die Zukunft seines Landes dachte. Er nahm mir die ungewöhnliche Frage nicht übel, im Gegenteil, ich schien eine Schleuse geöffnet zu haben, aus der ein riesenhafter Optimismus hervorquoll. Er war Student, noch nicht lange, ein Jahr, an der Wirtschaftsfakultät der UBA,12 und er wolle unbedingt in den USA economics studieren. Er meinte, die Ideologien seien vorbei, man soll nicht nur in der Vergangenheit herumwühlen, die Argentinier müssten arbeiten und das könnten sie doch, man müsse nach vorne schauen, Investitionen, Industrie und Technik ins Land holen, die Wirtschaft ankurbeln, nicht durch den Staat, der Staat sei korrupt und steuerte das Land in die Inflation, die Menschen selbst müssten es tun, das Land brauche einen neuen Unternehmergeist wie in den USA. Seine Augen strahlten die leuchtende Überzeugungskraft aus, die nur ehrlichen und begeisterungsfähigen Charakteren eigen ist. Ich schämte mich fast dafür, dass mein Lächeln zu schief geriet.

Im März 2004, nach fast 25 Jahren, war ich wieder in Argentinien. Wieder bestieg ich, voll von Reminiszenzen, den Vorortzug nach San Isidro. Dieses Mal stand neben mir eine Gruppe junger Leute, denen ich, ebenso wie damals, gern die gleiche Frage gestellt hätte. Älter und zurückhaltender geworden, konnte ich mich nicht so richtig dazu entschließen. Aber es war gar nicht nötig. Die jungen Leute unterhielten sich so angeregt, dass ihre Worte gut zu verstehen waren. Wieder bemerkte ich den Enthusiasmus, den ich schon damals bei dem Studenten verspürt hatte, doch es war auch anders. In die Stimmen und Gesten mischte sich Wut. Ich hörte, wie sie sagten, dass kein einziger, aber auch gar kein einziger Politiker, Unternehmer oder Banker etwas wert sei. Nicht einen von denen wollten sie unterstützen. Wenn es nach ihnen ginge, sollten sie alle abhauen: „Que se vayan todos!“ Sie alle hätten das Land verraten, ausverkauft, sich massiv bereichert, würden mit dem IWF und der Weltbank unter einer Decke stecken, sie seien neoliberale Arschlöscher. Man dürfe sich nur auf die eigenen Kräfte verlassen, müsste sich gegenseitig helfen und das einzig Realistische sei, das Schicksal in die eigenen Hände zu nehmen und sich nichts mehr gefallen zu lassen. Der IWF solle sich in Argentinien nicht mehr blicken lassen. Dem Wortwechsel konnte ich noch entnehmen, dass sie auf dem Weg zu einer Ausfahrtstrasse von Buenos Aires waren, um sie dichtzumachen: Die sollen sehen, wo sie bleiben, auf ihre Camiones voll mit Waren können sie lange warten und in ihren fetten Limousinen können sie, wenn es ihnen Spaß mache, das ganze Wochenende verbringen!  

Was war in Argentinien passiert? Das, was ich im Zug Anfang 2004 nach San Isidro erlebte, war nichts weiter Aufregendes, doch spürte man, dass inzwischen sehr viel in diesem Land vorgegangen ist. Es war wie ein schwacher Widerhall eines Erdbebens, das noch nicht verebbt war. Seit den 90er Jahren hatten politische Aktionen das Land überzogen und gipfelten in dem Volksaufstand um die Jahreswende 2001/2002. Tausende gingen damals auf die Strassen und zwar wochenlang, jeden Tag. Das Parlamentsgebäude wurde besetzt, die Menschen blockierten Straßen und plünderten Supermärkte. Der Präsident und drei weitere Übergangspräsidenten wurden vertrieben. Die staatlichen Strukturen und das Wirtschaftssystem brachen zusammen. Seit dem Mai 2003 ist der linksliberale Präsident Nestor Kirchner an der Regierung und die Situation im Lande hat sich einigermaßen beruhigt. Und doch dauerte der Aufruhr an, wie ich deutlich bemerkte.


Argentinien als Musterland neoliberaler Anpassung


Die neoliberale Umstrukturierung begann in Argentinien unter der Militärregierung von 1976 bis 1983 und wurde durch Wirtschaftsminister Martinez de Hoz nach dem Modell des Chicagoer Wirtschaftsprofessors Milton Friedman konstitutiv gestaltet. Nach der Militärdiktatur versuchte Präsident Raul Alfonsin von UCR (Radikale Bürgerunion) von 1983 bis 1989 ein demokratisches System mit sozialer Gerechtigkeit und nationaler Souveränität zu etablieren. Doch dieses Vorhaben scheiterte an dem Widerstand der mit dem Auslandskapital verbundenen Eliten und an der harten Konditionierungspolitik von IWF und Weltbank. Alfonsin konnte nicht verhindern, dass Argentinien zu einem Musterland neoliberaler Anpassung wurde. ...


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12   Universidad de Buenos Aires

Zimmering, Raina: Postmoderne Guerilla: Zehn Jahre Aufstand, 20 Jahre Zapatistas: In: Blätter für deutsche und internationale Politik. Heft 3`04, März 2004: 348-358.


Auszug:

Das Doppeljubiläum des „Zapatistischen Heeres der Nationalen Befreiung“ (EZLN) in Mexiko - der 20. Jahrestag seiner Gründung und der 10. Jahrestag des zapatistischen Aufstandes - bieten Anlass, die Frage von Widerstand in einer globalisierten Welt mit einer neuen Flut von Ausgestoßenen neu zu stellen und dabei gleichzeitig auch Begriffe wie Macht, Staat und Gemeinschaft zu überdenken.

Als Neujahresüberraschung trat das Zapatistische Heer der Nationalen Befreiung (EZLN) am 01.01.1994 in Chiapas in das morbide politische Bewusstsein des krisengeschüttelten Mexikos und recht bald in das der Weltöffentlichkeit. Die Gründung der Guerilla zehn Jahre zuvor, am 17.11. 1983 im Lakandonischen Urwald, war unbemerkt geblieben. Als 1994 in den frühen Morgenstunden die bekannteste Stadt der Provinz Chiapas, San Cristóbal de las Casas, und weitere sechs Bezirkshauptstädte von tausenden vermummten Indigenas besetzt wurden, schien das wie ein Trugbild, wie ein unwirklicher Traum, den einen ein Alptraum, den anderen ein Hoffnungstraum. Man hatte die Guerilla, wie sie Ende der 60er und in den 70er Jahren in Mexiko in den Bundesstaaten Morelos und Guerrero existierte und die schließlich eliminiert wurde, oder diejenige in Mittelamerika, die Ende der 80er Jahre befriedet wurde, längst für tot geglaubt. Die Guerilla schien einem anderen Zeitalter anzugehören und Peru und Kolumbien galten als Spezialfälle.

Seit 1994 ist der Konflikt in Chiapas ständiges Thema verschiedener mexikanischer Regierungen bis zu der unter Präsident Vicente Fox, der 2000 für eine demokratische Transition des Landes angetreten war und vorgab, den Konflikt in Chiapas in 15 Minuten lösen zu wollen. Entgegen diesen Voraussagen ist eine Konfliktlösung nicht in Sicht. Gleichzeitig sind die EZLN und der Zapatismus auch ein weltweit heiß umstrittenes Thema unter den Linken. Für die Anti- bzw. Alterglobalisierungsbewegung allerdings gelten sie als Initial- und Orientierungsmoment.  ...

Zimmering, Raina: Die Zapatisten und der Terror. In: Beiträge und Schriften. Grüne Reihe. 2/2001/9: 18-26. ISSN: 0863-4564. http://www.linxxnet.de/archiv/htext2.htm#_Toc37936300


Auszug:

Die Auseinandersetzung mit den Attentaten vom 11. September und der Krieg gegen den „internationalen Terrorismus“ werden von einer breiten Diskussion über das Phänomen des Terrorismus begleitet. Nicht Akademiker versuchen hier eine allgemeingültige Definition über einen schwer zu fassenden Gegenstand zu finden, um diese dann als vorläufig abgeschlossene Lehrmeinung vor den Studenten zu präsentieren, sondern die als allgemeingültig anerkannte Definition hat in der Gegenwart direkte Konsequenzen auf politisches Handeln und versieht sie deshalb mit der Bürde einer besonderen Verantwortung. Das Anliegen des vorliegenden Artikels ist es nicht, sich mit bisherigen Definitionen über das, was als Terrorismus bezeichnet wird, auseinanderzusetzen oder sich über die gegenwärtige Terrorismusdiskussion umfassend zu äußern, sondern eine einzige Seite dieser Diskussion an einem konkreten Beispiel zu verifizieren. Es handelt sich um die Gleichstellung von Terroristen und Partisanen und die Überprüfung dieser Aussage am Beispiel des seit 1994 andauernden Aufstandes der EZLN (Zapatistisches Herr der nationalen Befreiung).

Das Zusammenbinden der Begriffe Terrorismus und Partisanen in der gegenwärtigen Terrorismusdiskussion impliziert die Gefahr, intendiert oder nicht, neue ideelle Vorbehalte gegen politischen Widerstand aufzubauen, die unter den Bedingungen des neuen völkerrechtlich verbrieften internationalen Konsens über die Terrorismusbekämpfung (Sicherheitsratbeschluss und Antiterrorismuskoalition) leicht in allgemein anerkannte politische Depression umschlagen könnte. Es würde eine lange Denktradition, die ihre Wurzeln in der griechischen Antike, dem germanischen Stammesdenken und christlichen Ideen hat, in denen das Recht auf Widerstand gegen schlechte Herrscher allgemein anerkannt wurde und sich bis in das moderne politische Denken fortsetzte, verlassen werden und anderen Traditionen weichen, die Widerstand verteufeln und unmöglich machen wollen. Dass Partisanenbewegungen eine Form von Widerstand sind, wurde im Zusammenhang mit der Anerkennung der nationalen Befreiungsbewegungen durch die UNO als rechtmäßiger Kampf gegen Unterdrückung, Kolonialherrschaft und Rassismus allgemein akzeptiert. Zwar gibt es bis heute keine völkerrechtlich verbindlichen Aussagen zu Partisanenbewegungen, die sich gegen ihre eigene Regierung richten, doch implizieren eine Reihe von Menschenrechtskonventionen das Recht auf Widerstand, wenn es um die allgemeinsten und nicht diskutierbaren Rechte, wie z.B. das Recht auf Leben, geht.13 So unterschiedlich die Reaktionen einzelner Staaten auf Partisanenbewegungen im eigenen Land oder in anderen Ländern in den Jahren nach dem zweiten Weltkrieg auch waren, so kam es nie zu einer breiten internationalen Allianz gegen aufständische Volksgruppen, die um ihr Recht auf Leben oder auch nur politische Partizipation kämpften. …


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13 Vgl. „Erklärung über die Gewährung der Unabhängigkeit an koloniale Länder und Völker“ vom 14.12.1960 (A/RES/11514, XV), Zusatzprotokoll zu den Genfer Abkommen vom 12.12.1987, Art. I, Abs. 4. In letztgenannten heißt es: „Zu den in Abs. 3 genannten Situationen gehören auch internationale Konflikte, in denen Völker gegen Kolonialherrschaft und fremde Besetzung sowie gegen rassistische Regime in Ausübung ihres Rechts auf Selbstbestimmung kämpfen, wie es in der Charta der Vereinten Nationen und in der Erklärung der Grundsätze des Völkerrechts über freundschaftliche Beziehungen und Zusammenarbeit zwischen den Staaten im Einklang mit der Charta der Vereinten Nationen verbürgt ist.“ Besonders wichtig ist, dass im Zusatzprotokoll I des III. Genfer Abkommens, Art. 43 von 1977 die Anerkennung des Kombattantenstatus auch Gruppen zugebilligt wird, die nicht zu einem Staat gehören oder von einer Regierung anerkannt werden.

Zimmering, Raina: Sandino-Mythos und Zapatistas. Entstehung und Verfall politischer Mythen. In: Berliner Debatte INITIAL (1999) 4/5: 206-214. ISSN: 0863-4564


Auszug:

Der deutsche Politikwissenschaftler und Lateinamerikaspezialist Volker Wünderich, der sich mit Recht als ein Kenner der nikaraguanischen Gesellschaft bezeichnet, beschäftigte sich in seinem Buch über Sandino 14 mit einer historischen Person, die dadurch hervorsticht, daß sie innerhalb unterschiedlichster Diskursformationen mit dem Prädikat eines Nationalhelden versehen wird, woraus gerade die Zuschreibung zum Mythos erwächst. Der folgende Artikel nimmt das Buch und das Anliegen von Volker Wünderich, den Sandino-Mythos zu entmythisieren, zum Ausgangspunkt, um sich mit dem Thema politischer Mythen, hier dem Sandino-Mythos, zu beschäftigen. Der Veränderung von Mythen und ihrer sich wandelnden Wirksamkeit in der Politik soll dabei besondere Aufmerksamkeit geschenkt werden.

Auch wenn Sandino und die EDSN (Verteidigungsheer der nationalen Souveränität Nikaraguas) nach dem Friedensschluß 1933 nicht die Gestaltung von Staat und Politik in Nikaraugua dominierten und letztendlich vernichtet wurden, so hatte der Führer dieser Bewegung durch seine geistige Ausstrahlung und den Krieg gegen die nordamerikanischen Interventionstruppen großen Einfluß auf die nikaraguanische Geschichte und noch viel mehr auf das politische Denken, das sich besonders mit Ideen und Vorstellungen von einer gerechten Gesellschaft, von  Nation und nationaler Souveränität verband. Darum gibt es gute Gründe, von einem Sandino-Mythos zu sprechen, der sich schon zu Lebzeiten Sandinos herausgebildet und die Politik Nikaraguas, besonders wieder seit 1961 bis 1990, nachhaltig beeinflußt und geprägt hat.

In den 60er und 70er Jahren betrachtete sich die FSLN in ihrem Guerilla-Krieg gegen Anastasio Somoza als Fortführerin und Vollenderin der sandinistischen Revolution, die durch ein Komplott zwischen der Nationalgarde und den Vereinigten Staaten und durch die beiden großen oligarchischen Parteien verraten wurde. Während der Zeit des Aufstiegs der FSLN von einer Guerilla-Bewegung zur Regierungspartei diente Sandino als politischer Wegweiser und Sinnstifter einer neuen politischen Gemeinschaft, und während der Stabilisierung war er Bezugspunkt der Legitimierung der politischen Macht. Damit ist umrissen, was den Sandino-Mythos als Mythos in Nikaragua ab Mitte der 60er Jahre bis 1990 ausmachte, nämlich fortbestehende Bedeutsamkeit für das Verständnis der Gegenwart und deren Bewältigung. Dabei stand natürlich weniger der historische Sandino im Mittelpunkt des Interesses, als vielmehr das, was aus ihm durch Beschreibungen, wie z. B. das Essay von Carlos Fonseca und der Erzählung von Sergio Ramirez, oder durch Bilder und Benennungen, wie der des „proletarischen Guerillero“ durch Fonseca, gemacht wurde. …


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14  Wünderich, Volker: Sandino: Eine politische Biographie. Wuppertal: Peter Hammer 1995.

Zimmering, Raina: Die großen Entwicklungstheorien. Hingeschiedensein oder die Reinkarnation in der Realpolitik? In: Berliner Debatte. INITIAL 1993/1. ISSN: 0863-4564


Die entwicklungstheoretische Diskussion der achtziger Jahre war vorallem durch die ständige Rezeption der seit dem 2.Weltkrieg entstandenen Großtheorien, dem Sichtbarmachen ihrer praktischen Unbrauchbarkeit und schließlich ihrer Verwerfung gekennzeichnet. Es könnte der Verdacht aufkommen, daß die beiden mainstreams der Entwicklungstheorie - die Dependencia- und Modernisierungstheorien - zwar eine breite Anhängerschaft und ganze Wissenschaftsschulen hervorgebracht haben, aber letztendlich umsonst entwickelt worden seien, keinerlei praktische Bedeutung hätten und eher nur als Entwicklungshemmnis als als Entwicklungsantrieb gedient hätten. Erstaunlich war auch die Abgrenzung zwischen den Vertretern beider Großtheorien, die der Verwerfung vorausging und die erbitterte Auseinandersetzungen darüber führten, welche der beiden Lehren die reine, wahre Lehre sei. Es kam kaum zur Durchdringung und gegenseitigen Ergänzung, zu der schon von Aristoteles gepriesenen Mitte, in der bekanntlich immer die Wahrheit liegt 15. Erst in ihrer simultanen Verwerfung fanden beide Theorien in einem gemeinsamen Grab zusammen.

Das schwierige an der Verwerfung war, daß keine neuen brauchbaren Theorien entwickelt worden sind, an die sich die praktische Politik, sowohl von entwicklungspolitischer Seite in den Industrieländern als auch in Hinblick auf die Entwicklungsstrategien der Entwicklungsländer, hätten halten können. Die in armen Ländern des Südens aufkommenden Konzepte der Self Reliance waren im Grunde die konkrete Umsetzung der Dependenciatheorie auf die Verhältnisse in den vom Weltmarkt ausgeschlossenen Ländern, die meist in Afrika zu Hause sind. Self Reliance bedeutete somit keine grundsätzlich neue Entwicklungstheorie.16

Die mit den Brandt-, Palme- und Brundtlandberichten verbundene ganzheitliche Makrosicht auf die Welt konnte zwar die gegenseitige Interdependenz zwischen dem entwickelten Norden und den unterentwickelten Süden und vor allem die Gefahren, die aus Armut und Unterentwicklung auch für den Norden entstehen, bewußt machen, doch wenn es um die konkrete Umsetzung ging, wurden eigentlich nur alte schon gedachte Lösungen, nur mit unterschiedlichem Sequenzing (unterschiedliche Abfolge von Politiken), vorgeschlagen.17 Das Originelle dieser Theorien bestand wohl vor allem darin, bei den Regierungen und Völkern der Welt das Feeling für die Gefahren aus dieser Welt mit dem Bewußtsein zu verbinden, daß wirklich etwas getan werden muß und daß das den Menschen angeborene Mißtrauen gegen alle bestehende Ordnung wachgehalten werden sollte. Doch da bis jetzt keine demokratisch gewählte Weltregierung, die die Interessen aller artikuliert, in Sicht ist, müssen die Appelle zur Bearbeitung der Weltprobleme durch alle auch nur Appelle bleiben. Konkrete Hinweise für die Länder des Südens können sie nicht bieten. Auch die Industrieländer werden Schwierigkeiten haben, entsprechend der Logik der Berichte unabhängig von wirtschaftlichen Interessengruppen die als schon überfällig deklarierten Umweltmaßnahmen und die Hilfe für die Dritte Welt umzusetzen. …


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15  Bellers, Jürgen: Die metaphysischen Grundlagen von Aristoteles' politischer Philosophie. In: Konegen, Norbert (Hrsg): Politikwissenschaft IV. Politische Philosophie und Erkenntnistheorie. Münster 1992: 31-42.

16   Galtung,J.: Self Reliance. München 1983.
17   Brandt, Willy (Hrsg.): Das Überleben sichern. Gemeinsame Interessen der Industrie- und Entwicklungsländer. Bericht der Nord-Süd-Kommission. Köln: Kiepenheuer und Witsch Verlag 1980.
Brundtland, Gro Harlem: Unsere Gemeinsame Zukunft. Greven 1987.

Zimmering, Raina: Europa muss noch vieles lernen. Migration in und aus Lateinamerika. In: ila, Das Lateinamerika-Magazin Nr. 409, Oktober 2017, S. 4-8. ISSN: 0946-5057.


Wir leben im Zeitalter der Migration. Die heutigen Gesellschaften haben in der ganzen Welt schon seit geraumer Zeit eine Transformation durch Migration erfahren.  Mobile Identitäten gehören zum Alltäglichen jeder Gesellschaft, was neue Anerkennungs-, Repräsentations- und Partizipationspraktiken erforderlich macht. Doch bleiben Politik und Gesellschaft hinter diesen Erfordernissen oftmals zurück und erzeugen auf diese Weise Konflikte, die für große Menschengruppen und für die Gesellschaften als Ganzes zur Gefahr werden. Die lateinamerikanische Migration und die Migrationspolitiken sind auf Grund der langlebigen Erfahrungen ein Beispiel, dessen Analyse sich auch für andere Teile der Welt lohnt.


Zimmering, Raina: Die Casa Bertolt Brecht in Montevideo. In: lateinamerika anders. Österreischische Zeitschrift für Lateinamerika und die Karibik. Nr.2, 2017: 32 – 33.


Montevideo ist ein Paradies für Künstler aller Genres, das sich unter den Bedingungen demokratischer und Kultur freundlicher Traditionen, wie liberaler Denkfreiheit, staatlicher Subventionierung von Kunst und Kultur durch den Staat, eines ausgebauten Bildungssystems und Pressefreiheit herausbilden konnte. Auch wenn diese Atmosphäre immer wieder durch Kriege und Diktaturen in der Geschichte unterbrochen wurde, so gehört zu Montevideo eine blühende Kulturszene, die durch Maler wie Juan Manuel Blanes, Pedro Figari, Rafael Barradás und José Gurvich und Schriftsteller wie José Enrique Rodó, Mario Benedetti und Eduardo Galeano , um nur einige zu nennen, bekannt ist. Die Künstler wirkten weit über den Rahmen ihres Landes stilbildend  in der ganzen Welt. Ein breites Netz von Museen, Buchläden, Galerien, Bibliotheken, Zeitschriften, Kunstwerkstätten, Theatern, insbesondere das „Teatro Solis“, das älteste und eins der größten Theater Südamerikas,  zeugt von der Kultur und Kunst freundlichen Atmosphäre in Montevideo.

In diese Szene ordnet sich das uruguayisch-deutsche Kulturinstitut „Casa Bertolt Brecht“ (Bertolt Brecht - Haus) gut ein. Bertolt Brecht ist in Uruguay kein Unbekannter, seine Stücke werden in den zahlreichen Theatern in Montevideo gespielt, es finden Lesungen zu ihm statt und seine Werke wurden ins Spanische übersetzt. Sicher trug die deutsche antifaschistische Immigrantengemeinschaft während des Zweiten Weltkrieges und danach zu seiner Verbreitung erheblich bei. Die „Casa Bertolt Brecht“ liegt im Zentrum von Montevideo in einer sehr schönen Gründerzeitvilla auf der von Platanen bewachsenen Strasse Andés, nicht weit weg vom „Teatro Solis“ und nahe des Hauptplatzes von Montevideo, der „Plaza Intependencia“, auf dem sich das Mausoleum mit General José Artigas befindet, der den Unabhängigkeitskampf Uruguays gegen Spanien anführte. . .



Zimmering, Raina: Mexiko: Zapatisten an die Macht? In: Blätter für deutsche u. internationale Politik. Nr.12, 2016: 15-18. ISSN 0006-4416. G 1800 E.


Mitte Oktober gaben das Zapatistische Heer der Nationalen Befreiung (EZLN) und der Nationale Indigenenkongress (CNI) auf einem Kongress bekannt, eine gemeinsame Kandidatin für die Präsidentschaftswahl in Mexiko 2018 aufstellen zu wollen. Erst kurz zuvor war in Mexiko ein Gesetz in Kraft getreten, das die Kandidatur von unabhängigen Bewerbern auf das Präsidentenamt ermöglicht. Dass eine Indigene für das höchste Amt im Staat kandidiert, kommt in Mexiko einem politischen Erdbeben gleich, denn die Indigenen sind von politischer Teilhabe weitgehend ausgeschlossen: Sie finden sich weder im Parlament, noch unter den Ministern und schon gar nicht an den Gerichten. Mit der Ankündigung einer Präsidentschaftskandidatur rückt nicht nur die prekäre Situation der indigenen Gemeinden im Süden des Landes wieder auf die politische Tagesordnung. Sondern die Entscheidung deutet auch einen grundlegenden Strategiewechsel der Zapatisten an, die bislang dem Prinzip folgten, weder die Macht, noch ein politisches Amt anzustreben.



Zimmering, Raina: Gegen die Agonie in Mexiko. Die ZapatistInnen stellen Präsidentschaftskandidatin auf. In: ila. Das Lateinamerika-Magazin. Nr. 400 Nov. 2016. ISSN 0946-5057.


Die Bekanntgabe der EZLN (Zapatistisches Heer der Nationalen Befreiung) und des CNI (Nationaler Indígena-Kongress) am Schluss ihres  gemein-samen Kongresses vom 10. bis 14. Oktober 2016, dass beide Gruppen zu den nächsten Präsidentenwahlen in Mexiko 2018 eine gemeinsame Kandidatin aufstellen wollen, hat für Erstaunen gesorgt. Ein Regierungsrat des CNI soll gebildet werden, der nach Umfragen in den Gebieten der am CNI beteiligten indigenen Gemeinden Mexikos eine Präsidentschaftskandidatin finden soll. Die Kandidatin soll die Angriffe auf die indigenen Gemeinden und die kleinbäuerliche Bevölkerung durch die mexikanische Regierung erneut in den Blick der Öffentlichkeit rücken, die Regierung bei der Zerstörung der indigenen Gemeinden stoppen und darauf aufmerksam machen, dass gerade die indigenen Frauen die am meisten unterdrückten Menschen in Mexiko sind.

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