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Die Zapatisten


Nach ihren Aufstand 1994 in Chiapas entwickelten sich die Zapatisten zu einer besonderen Art von Guerilla, die nicht nur Guerilla, sondern auch soziale Bewegung ist. Das wird besonders daran deutlich, dass sie nicht wie die klassische Guerilla die Macht im Staat erringen will und dass die bewaffneten Kräfte der zivilen Basis unterordnet ist. Sie lehnen politische Parteien ab. Entscheidungen werden basisdemokratisch in der Asamblea getroffen und die politischen Ämter wechseln häufig.

Die Bewaffnung der Zapatisten dient in erster Linie Zwecken des Selbstschutzes gegen Übergriffe paramilitärischer Kräfte. Für ihre politische Strategie ist die Zusammenarbeit mit der Zivilgesellschaft und symbolische Repräsentation und Performativität ausschlaggebend.  Die Zapatisten werden mit Slogans wie „Guerilla des 21. Jahrhunderts“, „der erste Aufstand gegen den Neoliberalismus“ oder „Diskursguerilla“ (Anne Huffschmidt) verbunden. Ich nenne diese Strategie bewaffnete Antigewalt.

Das Besondere im Zapatismus hängt mit der Entstehungszeit, aber auch den sie tragenden Quellen zusammen.  Der Zapatismus ist ein Konglomerat aus verschiedenen politischen und kulturellen Richtungen. Hauptbestandteile sind: ein pazifistische indigene Ideen, marxistische Ansätze, anarchistische Ansätze (insbesondere der Brüder Magon), die Ideen von Che Guevara aus der Befreiungs- und Guerillatheorie und postmoderne Auffassungen mexikanischer Intellektueller.

Der Aufstand 1994 richtete sich einerseits gegen die äußerst schlechten Lebensbedingungen mit Schuldknechtschaft, Sklaverei, Kinderarbeit, Armut und Wassermangel der Indigenen als auch gegen den Neoliberalismus, der sich in Chiapas ganz konkret in der Bedrohung der Existenz der Indigenen durch die Nordamerikanische Freihandelszone NAFTA  zeigt.  Obwohl die Zapatisten mit ihrem Aufstand am 01.01.2094 ursprünglich die Macht im Lande erringen wollten, weil sie damit rechneten, dass die politische Krise im Land zum Sturz der Regierung führen würde, wichen sie bald von diesem Ziel ab. Nach großen Verlusten ihrer Kämpfer und nachdem die mexikanische Bevölkerung ihre Solidarität mit den Zapatisten gezeigt hatte, zogen sie sich wieder zurück. Schließlich handelten sie 1995 mit der Regierung einen Waffenstillstand aus. Die Zapatisten wollten nun nicht mehr die Macht im Land erobern, sondern durch ihr Einwirken eine politische Transition im Land erreichen. In diesem Rahmen handelten sie 1996 mit der Regierung in San Andrés das Gesetz für indigene Kultur und Rechte aus. Es sollten weitere Gesetze, wie das zur Demokratisierung, zur wirtschaftlichen Gerechtigkeit u.a. folgen. Doch nachdem das Gesetz „für indigene Rechte und Kultur“ bei seiner Annahme durch das Parlament 2001 bis zur Unkenntlichkeit verändert wurde, beschlossen sie, nicht weiter mit der Regierung und den politischen Parteien zu verhandeln. Doch sie kehrten auch nicht zum bewaffneten Kampf zurück. In einem langen Diskussionsprozess von 2003 bis 2005 beschlossen sie in der 6. Deklaration basisdemokratisch, dass sie die eigene Autonomie nach dem ursprünglichen Gesetzesentwurf von San Andrés auszubauen und sich zu stabilisieren. Die zapatistische Autonomie ist durch Selbstverwaltung, Basisdemokratie und kollektives Eigentum gekennzeichnet. Die Basisdemokratie zeigt sich besonders im Prinzip des „mandar obedecieno“.

Seit dem Aufstand 1994 waren die Zapatisten trotz der Verhandlungen mit der Regierung einem ständigen Krieg niederer Intensität durch die Regierung ausgesetzt, wobei sie besonders unter den Angriffen durch paramilitärische Organisationen zu leiden haben. Dieser Krieg dauert bis heute an. Deshalb bleiben die Zapatisten zu Selbstverteidigungszwecken bewaffnet.

Wichtig für ihren Selbstschutzes bildet zusammen mit der nationalen und internationalen Zivilgesellschaft die Konstruktion eines alternativen autonomen Raumes, hierbei sind gewaltlose und unbewaffnete Methoden konstitutiv.  Dafür benutze ich den Begriff der bewaffneten Anti-Gewalt.

Zu den unbewaffneten und gewaltlosen Methoden gehören der zivile Widerstand der zapatistischen Gemeinden, die Zusammenarbeit mit der nationalen und internationalen Zivilgesellschaft und symbolische Repräsentationen und Performativität.

Ziviler gewaltloser Widerstand zeigt sich besonders in Kontroll- und Schutzmaßnahmen der zivilen Basis der zapatistischen Gemeinden. Zweitens arbeiten die Zapatisten eng mit dem Nationalen Indigena-Kongress CNI zusammen, der die Mehrheit der indigenen Völker in Mexiko repräsentiert. Auch gab es mehrere Befragungen unter der mexikanischen Bevölkerung. Von Beginn an war den Zapatisten Internationalismus sehr wichtig. 1996 luden sie das erste Mal die internationale Zivilgesellschaft zum Intergalaktischen Treffen in den Lakandonischen Urwald ein, es folgten weitere Treffen, die inzwischen regelmäßig geworden sind, wie das Internationale „Festival der rebellischen Wut“. Die Zapatisten organisierten auch Camps für internationale Beobachter, die alle Menschenrechtsverletzungen der Regierung und des Militärs registrieren und der UNO-Menschenrechtskommission melden. Dies ist ein sehr wirksamer Schutzmechanismus, der Waffen ersetzt. Bedeutsam sind auch die Escualitas (kleine zapatistische Schulen) in den zapatistischen Gemeinden, an denen über 4000 ausländische AktivistInnen teilnahmen.

Internationale und nationale Aufmerksamkeit erlangten die Zapatisten durch ihre symbolische Repräsentation, womit sie die Einstellungen der antikapitalistischen und antineoliberalen Aktivisten der ganzen Welt beeinflussten. D.h. auch dass sie Performativität erzeugten, die Handeln und die Einstellungen des sozialen Protestes veränderten.  

Ihre globale Wirksamkeit erreichten die Zapatisten in der Anfangsphase besonders mit den Geschichten des Subcomandante Marcos, die alle Menschen in der Welt ansprechen. Dazu gehören die Erzählungen über alten Antonio, den Käfer Durito und den Mädchen Toñita. Andere symbolische Aktionen waren der Schweigemarsch der Zapatisten durch mehrere Orte von Chiapas am 21.12. 2012 am Tag des sogen. Weltuntergangs oder der Rücktritt des Sucomandante Marcos und seine Verwandlung in den ermordeten Lehrer Galeano.


Theoretische Grundlagen


Ich möchte die Begriffe Repräsentation, Identität, Performativität und Raumproduktion zur Grundlage nehmen.

Repräsentation wird auch durch die Begriffe Vorstellung, Darstellung und Abbild dargestellt. Hans-Jörg Sandkühler bezeichnet Repräsentation als „Stellvertretung“.1 Soziale und kulturelle Repräsentation ist eine Form, sich seiner selbst zu vergewissern und symbolisch zu fassen. Gleichzeitig wird der Außenwelt das Eigenbild vermittelt und mit dieser auch in einen dialogischen oder auch kontroversen Austausch zu treten. Repräsentation schafft Identität.   

Heiner Keup bezeichne Identität als Akt sozialer Konstruktion. Es geht immer um die Herstellung einer Passung zwischen dem subjektiven "Innen" und dem gesellschaftlichen "Außen".2 Bei unserem Thema geht es uns um eine Gruppen- oder kollektive Identität und nicht so sehr um die individuelle Identität.

In der Postmoderne wird ein radikaler Bruch mit der Vorstellung von einer stabilen Identität vollzogen. Identität wird nicht mehr als gegeben, sondern als ein Prozess ständiger „Identitätsarbeit“ betrachtet.  Poststrukturalistisches Denken lehnt geschlossene Strukturen und die Generierung eines einheitliches Sinnes ab. Es versucht feste Identitäten zu dekonstruieren. Statt festen Zuschreibungen bevorzugt es diskursive Praktiken.3  

Hier kommen wir zur Performativität. Der Begriff kommt aus der Sprechakttheorie von John Austin. Sie zeigt den Zusammenhang zwischen Sprechen und Handeln.4 Somit ist Performativität nicht nur Identität abbildend wie die Repräsentation, sondern Identität erzeugend, so wie Sprache Handlungen erzeugt.5  In der bildenden Kunst erzeugt Performativität durch bestimmte Bildinhalte, Symbole und Motive neue Wirklichkeiten und sie erzeugt auch neue Identitäten. Wulf und Zirfas heben hervor, dass im „Vollziehen performativer Akte immer auch die Möglichkeit (besteht) im Vollzug selbst die Normen und Regeln außer Kraft zu setzten, sie zu ironisieren, umzucodieren, die Fraglosigkeit in Frage zustellen“ (Wulf/Zirfas 2007:17).6 Durch Performative werden bisher bekannte Symbole und Motive umkodiert. Performativität ermöglicht die Prozesshaftigkeit, das immerwährende Neudefinieren von Werten und Normen, und somit Multiperspektivität.

Durch Performativität können neue soziale und kulturelle Räume aufgebaut werden. Es geht darum zu untersuchen, wie eine soziale Gruppe, hier die Zapatisten, mit ihren sozialen Praktiken ihren eigenen Raum oder soziales Feld produziert. Soziales Feld geht auf Bourdieu zurück. Bei unserem Thema geht es besonders um die Konstruktion eines eigenen sozialen Raumes durch symbolische Repräsentation und Performativität. Hier verweise ich auf die Theorie der Raumproduktion von Henri Lefebvre.7 Er geht davon aus, dass der soziale Raum sozial produziert wird. Auch wenn er die Raumproduktion mit der jeweiligen Produktionsweise verbindet, analysiert er überwiegend Repräsentationsräume. Repräsentation dient nach ihm dazu, den Raum immer wieder neu zu schaffen. Jedoch kann symbolische Repräsentation bei ihm auch dazu dienen, einem „entfremdeten Raum“ zu entfliehen.8  Demnach wäre bei den Zapatisten der mexikanische Staat der „entfremdete Raum“ und die autonomen zapatistischen Gemeinden der eigene Raum, den sie u.a. auch durch Repräsentation konstruieren, indem sie Symbole des Außenraumes, des mexikanischer Staat symbolisch performatieren. David Harvey, Begründer der radikalen Goegraphie, spricht von „Spaces of hope“,9 allerdings meint er hierbei die gesellschaftserneuernde Kraft von städtischen Bewegungen. Gustavo Esteva, ein mexikanischer Sozialwissenschaftler, der Begründer der Universidad de la tierra,10 sieht die Hoffnung sowohl in ländlichen Gemeinden als auch städtischen sozialen Bewegungen, die sich bereits heute außerhalb des kapitalistischen Systems und der neoliberale Entwicklung bewegen.11 Gustavo Esteva hat ein Konzept der „kulturellen Regeneration“ entwickelt, in dem neue Lebensformen und die eigene Kulturform wieder entdeckt und ein neuer Umgang mit der Natur und gemeinschaftliche Lebensformen geschaffen wird.12 Dabei kritisiert er das gängige Entwicklungsmodell der neoliberalen Globalisierung.13 Gustavo Esteva ist einer der Vertreter des sogen. Postdevelopmentansatzes.14 Er sieht den Zapatismus als eine der wichtigsten Bewegungen dieser Phase an, die sich besonders durch die Schaffung von alternativen Räumen, die sich durch kulturelle Regeneration, Internationalisierung und ein neues Naturverständnis auszeichnen.15


Repräsentation und Performativität in zapatistischen Wandbildern


In fast allen zapatistischen Gemeinden sind die Wände von öffentlichen Gebäuden wie Schulen, Krankenhäuser und Verwaltungsbauten, aber auch viele Privatunterkünfte mit Wandbildern bemalt. Oventic ist das zapatistische Caracol, in dem es die meisten davon gibt. Die zapatistischen Wandbilder sind Teil der symbolischen Repräsentation der Zapatisten und markieren den autonomen zapatistischen Raum. Zum einen bilden sie einen Gegenentwurf gegen die mexikanische Gesellschaft und die vom Neoliberalismus geprägte Globalisierung. Dies zeigt die Performativität ihrer symbolischen Repräsentation. Auf der anderen Seite repräsentieren sie symbolisch einen alternativen autonomen Raum, der nicht allein auf die lokale Verortung der Zapatisten in Chiapas reduziert, sondern auch global ausgerichtet ist.


Die Zapatisten ließen mit ihren Wandbildern das typisch mexikanische Genre des klassischen  Muralismus wieder aufleben. Hierbei erfüllen sie einerseits eine ähnliche Funktion wie die klassischen mexikanischen Wandbilder wie Diego Rivera, David Alfaro Siqueiros oder Clemente Orozco, nämlich Sinn zu vermitteln, über die Herkunft und die zukünftige Mission der Gemeinschaft Auskunft zu geben. Die klassischen Wandmaler waren politisch davon überzeugt, dass sie die Ideen der mexikanischen Revolution durch Sichtbarmachung auf offiziellen Gebäuden verbreiten und in die Gesellschaft pflanzen konnten. Sie waren aber Auftragnehmer der nachrevolutionären Regierungen in Mexiko, bei der sich die sozialliberale Variante und nicht die radikal-revolutionäre der mexikanischen Revolution von 1910 durchgesetzt hatte. Die mexikanische Wandmalerei der 1920er bis 1950er Jahre war öffentliche und offizielle Kunst.  Die Maler bedienten einen Revolutionsmythos, der sich sozial, gerecht und brüderlich gab, der die Gleichheit der Rassen und der Klassen proklamierte, in Wirklichkeit aber eine neue weiße Oberschicht schuf, die die Indigenen und armen Bevölkerungsschichten zu assimilieren und ruhig zu stellen versuchte und sie dabei sozial ausgrenzte. Allerdings hatten die klassischen mexikanischen Wandbilder auch erheblich zu einem Nationalbewusstsein der Mexikaner beigetragen, die die Gleichheit der Rassen und Klassen tief in den Köpfen verankerte. Da diese Ideale und die Wirklichkeit immer weiter auseinander drifteten, verblasste die Bedeutung der Wandmalerei als Identitätsschulen immer mehr, sie wurden mehr oder weniger zu Denkmälern einst geglaubter Ideale, während sich in Mexiko ein Netz breiter sozialer Bewegungen gegen die soziale Ausgrenzung und politische Unterdrückung herausbildete. Und nun nach einem Jahrhundert taucht das Genre der mexikanischen Wandmalerei in Chiapas wieder auf. Aber die zapatistischen Wandbilder sind nicht nur eine Renaissance der klassischen mexikanischen Wandmalerei, sondern stellen eine neue und eigene Form der ikonographischen Repräsentation dar.


Zapatistische Wandgemälde als partizipative Kunst


Die zapatistischen Wandgemälde sind keine Auftragskunst durch die Herrschenden, die durch professionelle Künstler angefertigt werden. Sie werden von den Gemeindemitgliedern oder Unterstützern der Zapatisten produziert, die keine Künstler sind. Die zapatistische Wandmalerei ist damit selbst autorisiert, also basisdemokratisch. Obwohl teilweise Künstler die Wandmalerei begleiten und technische Hilfestellung erteilen, so überlassen sie den Gemeindemitgliedern die Ideengebung und malerischen Ausführung selbst, was den naiven Stil vieler Bilder erklärt, der Populärkunst nahe kommt. Es handelt sich um integrale und kollektive Werke. Hier geht es um die Vermittlung von Inhalten von nicht identifizierten Produzenten. Die partizipative Wandmalerei spiegelt das politische System der Zapatististen wieder, in dem Entscheidungen in der Asamblea basisdemokratisch gefällt werden. So wie die Zapatisten Berufspolitiker ablehnen, werden die Wandbilder auch nicht von Spezialisten, und Künstlern angefertigt, sondern von Nichtkünstlern.   


Ebenfalls wichtig für die partizipative Kunst ist, dass die Bilder auf einem vergänglichen Untergrund gemalt werden, nämlich nicht auf Stein und Putz wie die klassischen mexikanischen Wandbilder, sondern auf Holz und Stoff. Ich bezeichne diese Art der Wandmalerei als Madera-ismus.  Das betrifft auch die Mantas, die auf Stoff gemalten Bilder und Slogans, den Mantaismus. Sie sind mobil und können, ähnlich wie Fahnen, getragen werden. Anhänger der Zapatisten benutzen sie in allen Teilen der Welt. Die Bilder sind nicht auf Ewigkeit gestellt wie die klassischen. Nicht das Prinzip „nichts darf vergehen, nichts neu entstehen“, wirkt hier. Der vergängliche Untergrund entspricht dem Prinzip der Zapatisten, „sich so schnell als möglich, überflüssig zu machen“ als auch der Offenheit des Weges, das in dem Slogan „Fragend schreiten wir voran“ sichtbar gemacht wird.

Das Mobilitätsprinzip entspricht eher dem Graffiti, der Street-Art und der Pop-Art als der herkömmlichen Wandmalerei.


Motive der zapatistischen Wandbilder als Performative


Eine Motivanalyse der zapatistischen Wandbilder sollen die Elemente des alternativen Raumes verdeutlichen.


Das Performativ „Zapata“


Zapata ist eine sehr häufig auftauchende Figur. Allerdings findet in den zapatistischen Wandbildern gegenüber den drei großen Klassikern eine Paradigmenwechsel, d.h. Performativität statt. Zapata gehörte dort der Vergangenheit an und sollte Ursprung des neuen Mexiko sein, was ja nicht der Wirklichkeit entsprach. Bei den Zapatisten ist Zapata Gegenwart, ein ständiger Begleiter, der in die Gegenwart geholt wird. Seine Ziele „Land und Freiheit“ sind bis heute nicht erreicht und man kämpft darum, diese zu erreichen.

Die Performativität Zapatas kommt durch die Zusammenbindung mit anderen Identitifkationsfiguren der Zapatisten zustande. Oft ist seine Person mit Che Guevara, der Mutter Erde, der braunen indigen „Virgen de Guadalupe“ und Subcomandante Marcos abgebildet. Zapata steht für das Indigene und den Kampf um Land, Che Guevara für die sozialrevolutionäre Variante lateinamerikanischer Befreiungsbewegungen, die mit Waffengewalt für die Unabhängigkeit Lateinamerikas eintrat, die Mutter Erde weist die auf die indigen Tradition und das harmonische Verhältnis zur Natur hin, die Virgen de Guadalupe steht für die Integration der Indigenen in die mexikanische Gesellschaft und für die Unabhängigkeit Mexikos und Subcomandante Marcos für den heutigen Kampf für die Anerkennung der indigenen Rechte und Kultur und gegen Neoliberalismus.


Das größte Wandbild in Oventic befindet sich am Krankenhaus „Guadalupana“.  Im Zentrum des Wandbildes erscheinen die Köpfe zweier Menschengruppen: die alten und neuen Zapatisten. Die aus der Revolution von 1910 tragen Waffen. Mit ihren gleich aussehenden breitkrempigen Sombreros und ähnlichen Gesichtern erscheinen sie als drohende Masse, in der kein einzelner wahrgenommen werden kann. Die neuen Zapatisten tragen Pasamontañas,[1] aber keine Waffen. Ihre Gesichter wirken heiter und unterscheiden sich durch vielerlei Haut- und Augenfarben, was sie trotz der Bedeckung ihres Gesichtes zu unverwechselbaren Individuen macht. Bei fast allen sind sprechende, Worte formende Münder in der schwarzen Pasamontaña zu sehen – Implikation auf die Bedeutung des Dialogs der Bewegung und somit der Anti-Gewalt. Die unterschiedliche Darstellung der beiden Zapatistengruppen soll symbolisieren, dass die neozapatistische Bewegung ebenso wie die Vorgängerin den gleichen Kampf um den Boden führt, doch im Gegensatz zu dieser auf eine neue Weise. Es ist ein friedlicher Kampf, der auf Anerkennung der Differenz und Individualismus abstellt. Hier soll die Bedeutung der Zapatisten als Kommunikationsquerilla hervorgehoben werden. Auf der Vorderwand des Versammlungshauses in Oventik ist der übermenschlich große Kopf Zapatas abgebildet, der aus der Erde zu wachsen scheint. Zapata hebt in der rechten Hand ein Gewehr über dem Kopf und ruft zum Kampf auf. Mit aufforderndem Blick schaut er den Betrachter direkt an und ruft durch das erhobene Gewehr zum bewaffneten Widerstand auf. Hinter ihm erscheint die Kopie des Wandbildes „Del porfirismo a la revolución“ von David Alfaro Siqueiros aus dem Schloss Chapultepec in Mexiko Stadt über die mexikanische Revolution. Es erzeugt die Assoziation, dass sich die soziale Situation der Bauern und Indigenen in Mexiko seit damals nicht geändert hat.

Ein anderes Wandbild im Versammlungsraum der Gemeinde Roberto Barrios zeigt, wofür die Zapatisten kämpfen.  Zapata steht auf den Armen eines Zapatisten, der in jeder Hand einen Maiskolben hält. Es geht also um die Verteidigung des Maises, aber nicht um die Eroberung der Macht im Staat.  Hinter Zapata kann man zapatistische Frauen und Männer erkennen, die Stöcke in den Händen halten, das unmissverständliche Zeichen für die zivile Unterstützerbasis, die die Mehrheit der Zapatisten darstellt, aber nicht mit Waffen kämpft. Somit rückt Zapata in das Licht der Wehrhaftigkeit, aber auch des Pazifistischen.

Die  Zapata-Vermittlung als Beschützer und Wächter wird neben dem Eingang des Krankenhaus „Guadalupana“ in Oventic ebenso deutlich. Hier ist das übergroße Porträt Zapatas rechts vom Haupteingang weniger kämpferisch, sondern eher väterlich. Zapata ermutigt die Eintretenden, die hierher kommen, um medizinische Hilfe zu erhalten.

Wiederholt wird die Assoziation des Emiliano Zapata als Wächter und Wachendender in einem Gemälde auf der Vorderwand eines Wohngebäudes in Oventic, auf dem er sein Gewehr waagerecht vor sich hält und weitere Personen beschützt. Das Gewehr wirkt hier wie ein Schutzwall, der das zapatistische Gebiet gegenüber dem Außen abgrenzt.

Die Wandbilder mit Zapata als Wächter und Beschützer verweisen auf die Implikation des zapatistischen Selbstschutzes. Es unterstreicht den defensiven und Verteidigungscharakter der Zapatisten, die nicht die Macht in Mexiko erobern wollen, sondern ihre Bewaffnung zum Selbstschutz der zapatistischen Gemeinden verwenden und friedlich alternative autonome Räume errichten.


Das Performativ Virgen de Guadalupe


Eine weitere häufig auftauchende Figur ist die Virgen de Guadalupe, die dunkelhäutige mexikanische Variante der Jungfrau Maria, die Nationalheilige Mexikos. Sie wird von den Zapatisten in ihrem Widerstand gegen ihre Entwürdigung als Indigene, für ihren Kampf für die Anerkennung als gleichberechtigte Mitglieder der mexikanischen Gesellschaft und ihren Pazifismus integriert. Die Virgen de Guadalupe ist meistens als Zapatistin dargestellt. Dieses Motiv folgt der mythischen Reihe „Ureinwohner – christliche Kultur – Zapatismus“.


Auf der rechten Seite des großen Wandbildes auf dem Gebäude des Krankenhauses „Guadalupana“ ist die Virgen de Guadalupe als Zapatistin in der kanonisierten Form mit halb geschlossenen Augen, dunkler Gesichtsfarbe, die etwas dunkler als im Original ausfällt, dem blauen Sternentuch über dem Haar, und vom Strahlenkranz umgeben abgebildet. Das Umkodieren wird durch das zapatistische Gesichtstuch deutlich.  

Auch im Versammlungshaus in Oventic ist der Kopf der Guadalupe überlebensgroß in Schwarz-Weiß abgebildet. Sie wird durch die wesentlich kleineren Figuren des Subcomandante Marcos und Zapata umrahmt. Beide sind bewaffnet und scheinen sie zu beschützen. Die Guadalupe trägt wiederum das zapatistische Gesichtstuch, das einige wenige rote Muster hat, aber von Weitem farblos wirkt. Ihr Blick ist geradeaus gerichtet, ihre Augen sind weit geöffnet und scheinen aufmerksam in die Welt zu schauen. Eine rote Herzbrosche unter dem Kinn ist in einen Strahlenkranz gefasst. Rechts und links ist sie von zwei Maispflanzen umrahmt, die wiederum den indigenen und Naturbezug darstellen. Die Körpersprache und Mimik der Guadalupe zeigt eine Entfernung von dem ursprünglichen kanonisierten Bild. Der Kopf der zapatistischen Guadalupe ist nicht geneigt, sondern geradeaus nach vorn gerichtet, das Haar ist nicht bedeckt, die Augen sind geöffnet und nicht halb offen, der Strahlenkranz ist auf die Brosche reduziert. Hier wird eine Umkodierung vollzogen, man entfernt sich vom „ewigen“ Modell und schafft eine eigene Guadalupe, die den zapatistischen Frauen sehr ähnelt. Dieses Bild wurde in den 2000er Jahren überarbeitet, wobei es wiederum einen Wandel erfuhr. Unter Beibehaltung der ursprünglichen Konstruktion wurde das zapatistische Gesichtstuch mit einem tiefen Rot ausgemalt, während das Herz in der Mitte der Brosche, das zuvor rot war, jetzt ohne Farbe ist. Das Gesichtstuch ist der einzige rote Fleck auf dem Bild, stellt den Blickfang dar und unterstreicht somit die widerständige Implikation, die gegenüber der ersten Variante eine Verstärkung des Kämpferischen darstellt.

Die Identitätsarbeit durch das Guadalupesymbol wird in der Guadalupegestalt auf dem Wandbild des Wohnhauses in Oventic weiter geführt. Zur Rechten der bewaffneten Zapatagestalt ist eine Zapatistin in gleicher Größe abgebildet, die in einen Strahlenkranz, einem der wichtigsten Erkennungszeichen der Jungfrau von Guadalupe, gehüllt ist, ansonsten moderne Kleidung trägt und ein Gewehr in den Händen hält.  Der blaue Rock stellt die Verbindung zum blauen Schutzmantel der Madonna her. Sie hat auch weit geöffnete Augen und schaut gerade aus und nicht  wie die traditionelle Variante der Guadalupe mit seitlich geneigtem Kopf und halb geschlossenen Augen. Dass die Guadalupe bewaffnet ist, ist eine radikalere Umkodierung gegenüber dem Versammlungshaus in Oventic und erst recht gegenüber dem Wandgemälde der Klinik „Guadalupana“. Während auf dem Wandbild der Klinik „Guadalupana“ die Guadalupe in ihrer Originalform dargestellt und dieser nur ein Zapatistentuch umgebunden wurde und auf dem anderem Oventicer Wandbild die Insignien der Guadalupe und einer Zapatista noch gleichrangig waren, so ist hier der Schwerpunkt auf die Gestalt der Zapatistin gelegt, die nur randständig mit den Insignien der Guadalupe versehen und somit geheiligt wird, aber in erster Linie Zapatistin ist. Man kann daraus ablesen, dass die Identitätsarbeit in einer Verstärkung der Symbolik des Eigenständigen und Inneren liegt, so wie die Zapatisten ab 2006 ihre Strukturen ausbauten und die Initiative gegenüber dem Außen übernommen haben. Die Zapatistin-Guadalupe -Figur steht für eine neue zapatistische Generation, die sich von den religiösen Wurzeln ihrer Eltern und Großeltern weiter entfernt, diese aber als Symbole nicht aufgegeben hat. Die totale Verwandlung der Guadalupe als junge Frau auf dem Wandbild der Grundschule in Oventic bringt den Pazifismus zur höchsten ikonographischen Entfaltung.  Eine  Frau mit strahlend blauem Haar aus Wasser liest vor einer üppigen Naturlandschaft ein Buch. Sie tritt als Beschützerin der Natur und der Bildung in Erscheinung. Das einzige, was von der Guadalupe übrig geblieben ist, ist das Blau ihres Kopftuches in Gestalt des Wasser-Haares.


In der Repräsentation und Performativität der Gestalt der Guadalupe zeigt sich die Nutzbarmachung der inneren Ambivalenz dieser Figur. Dabei wird an ihre doppelte Funktion in der mexikanische Geschichte angeschlossen. Einerseits diente die Gestalt der Guadalupe der Unterordnung der indigenen Bevölkerung unter das spanische Kolonialsystem. Sie sollte die wieder auferstandene Tonantzin sein, die nun die Gestalt der Jungfrau Maria angenommen hatte und einem Indigenen erschien. In ihrem Namen wurden Massentaufen der Indigenen durchgeführt und der Sieg über die sogen. „Ungläubigen“ symbolisch nachvollzogen. Die Mondsichel verweist auf das letzte Gefecht zwischen Hölle und Himmel, aus dem der Himmel siegreich hervorging. Somit sollte der Widerstand der Indigenen gegen das Kolonialsystem und die katholische Kirche gebrochen werden.

Auf der anderen Seite wurde die Guadalupe als Kampfsymbol im Unabhängigkeitskrieg gegen Spanien 1810 -1821 verwendet und der Führer der Revolution  Miquel Hidalgo erklärte sie zum „Generalkapitän der Revolution“. Auch in der mexikanischen Revolution von 1910 wurde die Guadalupe als Zeichen des Widerstandes verwendet und von den Kämpfern als Brosche getragen. Dass die Guadalupe bei den Zapatisten als Widerstandskämpferin dargestellt wird, befindet sich also in einer historischen Linie mit den großen Revolutionen in Mexiko. Es ist keine Neuerfindung, nur dass in der jüngeren Geschichte Mexikos die Implikation von Unterordnung und Gehorsam überwog  und die Widerstandsfunktion verloren ging.


Performativ Subcomandante Marcos


Subcomandante Marcos erscheint überwiegend auf Wandbildern in La Realidad, wo auch die Comandancia der EZLN stationiert ist. Subcomandante Marcos ist an viele Wände gemalt, meist in Gesellschaft mit anderen Figuren wie Zapata und Che Guevara oder anderen Comandantes wie Comandante Tacho. Der Subcomandante ist als Sprecher der EZLN, als Geschichtenerzähler und als Oberbefehlshabe der EZLN bekannt geworden. Sein Bild in La Realidad verkörpert Bewaffnung als auch Gewaltlosigkeit, da er nur selten mit Waffen dargestellt wird. Es ist der Ort, der Jahre lang die meisten Bilder mit kämpferischen Motiven aufwies, wobei Oventic, Morelia und La Garrucha eher friedliche Motive zeigen. Dies änderte sich mit den Vorkommnissen am 02.05. 2014, als Paramilitärs La Realidad überfielen, den Lehrer Galeano brutal ermordeten und die Schule und das Krankenhaus zerstörten. Mit dem Neuaufbau beider Gebäude entstanden eine Reihe neuer Wandgemälde, die überwiegend eine friedlichen Implikation haben.

Performativität entstand in dem Moment, in dem Subcomandante Marcos von seinen Funktionen zurücktrat und sich  in „Subcomandante Galeano“ verwandelte. Er sagte: „Wenn Sie mir erlauben, die Figur des Marcos zu definieren, so würde ich ohne zu zögern sagen, dass er ein Hanswurst, eine Verkleideter war.(…) Und wir haben gesehen, dass der Hanswurst, der Harlekin, die Figur, das Hologramm nicht mehr nötig war. So haben wir entschieden, dass Marcos heute aufhört zu existieren.“

Subcomandante übergab am Trauertag für Galeano die Sprecherfunktion und die Funktion als Oberbefehlshaber an einen Indigenen, an Subcomandante Mioses und verwandelt sich in Galeano. Ein Wandbild in La Realidad ist Galeano gewidmet, wie er als Lehrer auf einem Baumstamm sitzt und seinen Schülern Geschichten erzählt. Abseits steht Marcos und verabschiedet sich. Auf einem anderen Bild erscheint Marcos nicht in seiner grüngrauen Uniform und weiteren Insignien, sondern in Blau, so wie die Kleidung von Galeano war. Dieses Bild zeigt bereits den Subcomandante Galeano. Bildnerisch wird der Abschied des Subcomandante Marcos nachvollzogen. Auf einem Wandbild an der Schule von La Realidad ist Marcos als Galeano mit einer Piratenaugenklappe dargestellt, der als Lehrender die Funktion von Galeano übernimmt. Hier wird Identitätsarbeit innerhalb des eigenen als auch des äußeren Raumes  vollzogen.


Das Performativ Che Guevara


Che Guevara ist ebenso wie Subcomandante Marcos eine wichtige Figur auf den Wandgemälden. Er erscheint in La Realidad noch als Kämpfer in verschiedenen Wandbildern. Das Bild in La Realidad mit den vielen Fäusten, in denen rote Sterne zu sehen sind, verweist auf die lateinamerikanische Befreiungsbewegung und Kämpfe der 1960 bis 1970er , die die Unabhängigkeit Lateinamerikas vom Imperialismus darstellen soll. Neben dem Eingang der Klinik von Oventic löst sich das Bild Che Guevaras aus seinem eigenen Antlitz wie aus einem Schatten. Auf dem Bild, auf dem Zapata einen Siegel mit Che Guevara hochhält wird klar, in welche Richtung sich Che Guevara aus seinem ursprünglichen Bild herauslöst. Zapata lehnte es ab die Macht im Staat zu erkämpfen, Che Guevara strebte die Eroberung der Macht im Staat mit durch die Guerilla an, was in Kuba und Nikaragua auch gelungen war. Die Zapatisten heute verfolgen die gleichen Ziele wie Zapata und Che Guevara – soziale Gerechtigkeit – an, doch wollen sie diese mit anderen überwiegend friedlichen Mitteln und ohne die Eroberung der Macht im Staat erreichen. Die zapatistische basisdemokratische Autonomie unterscheidet sich wesentlich vom staatlichen Ansatz von Che Guevara. Che Guevara gehört zu den Vorgängern, doch er wird durch die Zapatisten aus seinem ursprünglichen Bild herausgelöst und neu interpretiert. Als militärischer Führer ist er immer noch wichtig, denn die Zapatisten sind auch bewaffnet, jedoch unterscheiden sich ihre Kampfmethoden ebenfalls von denen der klassischen Guerilla, wozu der hohe Stellenwert der symbolischen Repräsentation gehört.


Performativ zapatistische Frauen


Die zapatistischen Frauen waren die ersten, die ihre Rolle neu definierten (Revolutionäres zapatistisches Frauengesetz von 1993). Dies zeigt sich in einer Reihe von Wandbildern in allen Zapatistischen Gemeinden, auf denen sie bewaffnet sind und somit ihre traditionelle Rolle abstreifen. Damit performatierten sie Ihr Bild gegenüber dem Außen der mexikanischen Gesellschaft von Beginn an.

Sie führten mehrere internationale Treffen durch und tauschten sich mit Frauen aus anderen Ländern und Kontinenten aus. Aus den Wandbildern geht hervor, dass sie ihre Rolle selbst neu definierten, Kämpferinnen wurden, in der vordersten Reihe des Zivilen Widerstands stehen und sich als Bewahrerinnen der Natur, Geschichte und Bildung verstehen. Sie verwachsen schließlich mit dem Performativ der Guadalupe und ersetzen deren Bild.

Performativ Natur


Von weiterer Bedeutung in den zapatistischen Wandbildern ist die Referenz an die Natur, der die Zapatisten in ihren Kunstwerken ein entsprechendes Gewicht beimessen. Auf fast allen Wandbildern tauchen Naturmotive auf. Es findet sich kaum ein indigenes Gemälde ohne Pflanzen, Tiere oder Landschaften. Selbst in den Bildern mit rein politischen Botschaften fehlen die Naturdarstellungen nicht, und wenn sie in Form von Ornamentborden in Erscheinung treten. Das indigene Wissen von der Natur, Heilkräutern, der Landwirtschaft und der Wechselwirkung zwischen menschlichem Handeln und Natur wurde innerhalb von Jahrhunderten bis Jahrtausenden erlangt, mündlich weitergegeben und in feste Riten, Gebräuche und Legenden über den Ursprung, das Verhältnis zwischen Menschen, Natur und Göttern gegossen. Kein Element kann ohne das andere existieren. Zerbricht die Gemeinschaft, verschwinden die Mythen und mit diesen geht das Wissen über die Natur und damit die Lebensgrundlagen der Indigenas verloren. Für die Indigenas ist die Natur heilig. In der indigenen Kosmologie kann sie nicht vom Menschen untergeordnet oder erobert werden. Sie nimmt zusammen mit den Menschen und Göttern eine gleichbedeutende, sich gegenseitig bedingende Stellung ein. Die indigenen Wandbilder sind Spiegel dieser Weltanschauung. Gleichzeitig ist der Mais als Hauptnahrungsmittel und symbolische Identitätsmerkmal durch die neoliberale Politik der Regierung und der transnationalen Unternehmen der Live Science Produktion bedroht. Durch ihre Patentpolitik und Biopiraterie wird den Indigen ihre materielle und kulturelle Lebensgrundlage entzogen. Aus diesem Grund ist das Maismotiv auch ein Kampfmotiv.

Die zur Mayabevölkerung gehörenden Indigenas betrachten sich als Maismenschen, denn nach der Sage ernährten sich ihre Götter vom Mais und erschufen die Menschen aus diesem Stoff. Der Erschaffer der Welt formte die ersten Menschen aus einer Mischung aus Götterblut und Maisbrei. Diese Mischung garantiert dem Mais einen sakralen Platz in der Gesellschaft, denn er gilt als Bindeglied zwischen der irdischen Welt des Menschen und der himmlischen Welt der Götter. Die verschiedenen Maissorten mit ihren unterschiedlichen Farben werden als der Ursprung der ethnischen und kulturellen Vielfalt der Indigenas betrachtet.

Der Mais ist entsprechend seiner sinnstiftenden Bedeutung eines der häufigsten Motive auf den indigenen Wandbildern.

Das Zusammenbinden des Maismotives mit der Figur des Zapata und den alten und neuen Zapatisten verweist auf den Widerstand. Zapata tritt er als Beschützer des Maises in Erscheinung.


Performativ der Muschel

 

Die Schneckenmuschel hängt mit der indigenen Symbolik zusammen, die die Muschel mit Frieden, Schutz, Fortschritt,  Überleben und schließlich Weisheit verbindet. Die Muschel ist Kennzeichen für ein langsames, aber stetiges Vorankommen, das den Zapatisten ihr Überleben garantiert. Dabei wird auch auf die Möglichkeit Bezug genommen, sich zurückzuziehen, inne zu halten, nachzudenken und im richtigen Augenblick wieder heraus zu kommen und aktiv zu werden. Die Zeiten des langen Schweigens der Zapatisten weist auf diese Taktik hin. Mit dem Muschelsymbol grenzen sich die Zapatisten auch von der neoliberalen Gesellschaft ab, in der Geschwindigkeit im Überlebenskampf notwendig ist. Die autonomen Gebiete nennen sich auch Caracoles, Verwaltungsbezirke. Die Muschel symbolisiert somit den alternativen autonomen Raum der Zapatisten. Auf vielen Wandgemälden kommt das Muschelsymbol zum Tragen, besonders häufig in La Garrucha.


Die internationale Rezeption der zapatistischen Wandbilder und die Konstruktion eines globalen visuellen symbolischen alternativen Raumes


Die zapatistischen Wandbilder sind international weniger bekannt, als die verbale und zeremonielle zapatistische Repräsentationen. Die Texte und Zeremonien kommen über das Internet in die Welt oder über Zeitungen, Bücher und Hefte, während die Wandbilder meistens nur die erreichen, die vor Ort sind, d.h. die Zapatisten selbst oder solidarische Gruppen, die sich in Mexiko und Chiapas aufhalten.   Die zapatistischen Wandbilder erscheinen im Internet überwiegend in Blogs. Sie sind oft nicht autorisiert und allen zugänglich in open office-Form. Sie gelangen nur an eine bestimmte Rezipientenschaft, nämlich den an den Zapatisten interessierten Publikum. Das schränkt die Rezipientenzahl ein.

Die zapatistische Symbolik wurde von vielen alternativen und oppositionellen Gruppen in der ganzen Welt aufgenommen, auf die eigenen Bedürfnisse angepasst und somit umkodiert. Was die internationale Repräsentation mit den Zapatistischen gemeinsam hat, ist das Streben nach neuen alternativen, meist kulturellen Räumen, die sich von der durch  Neoliberalismus und Kapitalismus geprägten Lebensweise unterscheidet. Dabei geht es darum, dass selbstbestimmte Lebensweisen, die Anerkennung von Diversität, basisdemokratische Entscheidungskultur, Gewaltlosigkeit und Gendergerechtigkeit im Mittelpunkt stehen. Die visuelle Verbreitungsform der zapatistischen Ideen geschieht über verschiedene Medien.


  1. Über die direkte Teilnahme an dem Malen an Wandbildern in den zapatistischen Gemeinden selbst. An der Produktion der Wandbilder sind meist internationale Aktivisten beteiligt. So gibt es bei den Escualitas Malkurse in Wandmalerei. Ein Beispiel für die Teilnahme an der Produktion von zapatistischen Wandbildern ist das internationale Projekt „Schools for Chiapas“, an dem sich 40 Personen aus 12 Ländern an der Produktion der Wandgemälde an der neuen Schule und dem Krankenhaus von La Realidad beteiligten.
  2. Internationale Kunsttreffen, zu denen die Zapatisten aufrufen, sind dafür gedacht, dass sich Künstler aus aller Welt austauschen und ihre Kunstwerke ausstellen. Auch da gibt es Arbeitsgruppen zu Wandbildern, zu Graffiti und zu anderen bildenden Kunstarten. Ein Beispiel sind die CompArt-Festivals. Die Zapatisten messen den Künsten eine konstitutive Rolle bei der Konstruktion einer anderen Welt zu: EZLN vom 06.07.2016: Das Festival CompArte
         Für uns Zapatistas sind die Künste eine Hoffnung der Menschheit, keine militante Zelle. Wir denken, dass in diesen schwierigsten Momenten,     mit der meisten Desillusion und Ohnmacht, einzig die Künste in der Lage sind, die Menschlichkeit zu feiern. Für uns Zapatistas, sind Sie,       zusammen mit den Wissenschaftler*innen, so wichtig, dass wir uns kein Morgen ohne ihre Arbeit vorstellen können.
          Es haben sich 1127 nationale Künstler*innen registriert und 318 aus anderen Ländern.
  3. Die nachhaltige Sichtbarkeit bei der Verbreitung zapatistischer Präsentationen und Performative erlangt das alte Medium der Wandbilder, der Street Art und Graffiti. Diese sind besonders in den USA verbreitet, aber auch in einigen europäischen Städten.
  4. Weiterhin von breiter Sichtbarkeit sind kleine Graffities, die wiederum hauptsächlich in den USA stattfinden, aber auch in Israel und Europa. Das Hauptmotiv ist Subcomandante Marcos.
  5. Die Mantas mit zapatistischen Motiven, die bei Protestaktionen mitgetragen werden, erreichen eine große Rezipientenschaft. Dort erscheinen zapatistische Losungen wie „Eine andere Welt ist möglich“, „Vernetzt den Ungehorsam“, „Todos somos Zapatistas“, „Wenn sie einen verletzten, verletzen sie uns alle“. Oft tragen sie zapatistische Symbole wie die Schnecke, Maispflanzen, zapatistische Pasamontañas. Auch diese sind überwiegend aus der westlichen Welt bekannt. Besonders intensiv waren die Protestreaktionen auf den Überfall auf La Realidad durch paramilitärische Gruppen im Mai 2014. Das Bild des ermordeten Lehrer Galeano wurde dabei sehr oft gezeigt.
  6. Die Verbreitung zapatistischer Symbole, Repräsentationen und Performative im Internet ist äußerst ausgeprägt. Dieses Medium ist besonders für östliche Staaten von Bedeutung wie Russland  und China. Hier kann man viele Informationen zu den Zapatisten finden, die mit Symbolen der Zapatisten unterstrichen werden. In Russland gibt es nunmehr eine Aktivistenszehne , die die Zapatisten unterstützen und deren Ideen aufnehmen. Aktivisten in Russland setzten sich mit der Ermordung von Galeano auseinander. In China beschäftigen sich Einzelpersonen mit den Zapatisten, wie die Veröffentlichung der Ersten Deklaration aus dem Lakandonischen Urwald. Ansonsten kann man massenweise T-Shirts mit dem Konterfei von Subcomandante Marcos finden. Es ist aber anzunehmen, dass die Verkäufer bei diesen Artikeln nicht wissen, um wen es sich dabei handelt.  Übrigens tragen die Zapatisten in Chiapas oft Halstücher „Made in China“.
  7. Filmplakate sind ein weiteres Medium zur Darstellung zapatistischer Symbole, In Russland wird ein Film mit dem Caracol-Zeichen versehen.
  8. Weiterhin tauchen zapatistische Motive auf Buchdeckeln, Zeitschriften, Kalendern und Buchdeckeln


Fazit


Die verschiedenen visuellen Darstellungen von zapatistischen Repräsentationen und Performativen in der ganzen Welt stecken einen globalen alternativen kulturellen Raum ab, der insbesondere von Implikationen geprägt ist wie:

Dabei tauchen zapatistische symbolische Repräsentationen auf wie:

Subcomandante Marcos, Zapata, Che Guevara, Galeano, Mutter Erde, Virgen de Guadalupe, Mais, Fußball, Caracol (Muschel),


Durch die symbolische Repräsentation und Performativität zapatistischen Wandbilder entstanden nationale und internationale alternative kulturelle Räume. Der zapatistische alternative autonome Raum ist auf ein relativ geschlossenes Territorium bezogen, das organisatorisch geschlossen ist. Es grenz sich nach außen gegenüber dem mexikanischen Staat und der neoliberalen Politik politisch ab. Dabei treten die  Zapatisten als Ideengeber für andere antikapitalistische und antineoliberale Gruppen in der ganzen Welt auf, wobei sie ihre ideen mit denen der Unterstützergruppen zusammen fließen lassen. Der durch die zapatistische Repräsentation und Performativität inspirierte globale alternativer Raum ist besonders kulturell geprägt, aber territorial und organisatorisch disparat.


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1     Sandkühler, Hans-Jörg: Repräsentation. In: Ders. (Hrsg): Enzyklopädie Philosophie. 2. Bd. Hamburg 1999: 1384-1389.
2     Keup, Heiner: Identität. In: Lexikon der Psychologie. Spektrum.de.
http://www.spektrum.de/lexikon/psychologie/identitaet/6968. downloaded am 10.06.2015.
3     Frank, Manfred:
4     vgl. Austin, John L.: How to do things with words. Boston: Harvard University Press 1962.
5     Gaugele, Elke und Jens Kastner: Critical Studies: Kultur- und Sozialtheorie im Kunstfeld. Springer VS 2016.
6     Wulf, Christof und Jörg Zifras (Hrsg.): Pädagogik des Performativen. Weinheim: Beltz 2007:17.
7     Lefebvre, Henri:  La production de l’espace, 1974.  The Production of Space. Oxford: Blackwell, 1991
8     
http://www.spektrum.de/lexikon/geographie/produktion-des-raumes/6237
9     vgl. Harvey, David: Spaces of hope. University of California Press. Perkeley, Los Angeles,2000.
10  Esteva, Gustavo: Hoffnung von unten – Das besondere Prinzip des Zusammenlebens in Oaxaca. In: Helfrig, Silke und Heinrich Böll Stiftung (Hrsg.): Commons. Für eine neue
       Politik jenseits von Markt und Staat. Berlin: transcript 2012.
11  Auch Nina Schuster: Andere Räume. Soziale Praktiken der Raumproduktion von Drag Kings und Transgender, in transcript, queer studies, Marburg 2010.
12  Esteva, Gustavo: "From 'Global Thinking' to 'Local Thinking': Reasons to Go beyond Globalization towards Localization", with M.S.Prakash, in: Osterreichische Zeitschirift für
       Politikwissenschatft, 2, 1995
13  Gustavo Esteva, Salvatore Babones und Philipp Babcicky: Die Zukunft der Entwicklung: eine radikale Manifest, Bristol: Policy Press 2013.
14  Esteva, Gustavo: Fiesta - jenseits von Entwicklung, Hilfe und Politik, Frankfurt a. M. : Brandes & Apsel, 1992
15  Esteva, Gustavo: Crónica del fin de una era : el secreto del EZLN, México : Ed. Posada, 1994

Zapatistische Wandbilder: künstlerische Konstruktion alternativer lokaler und globaler Räume


Im Vortrag geht es darum, darzustellen, dass die Zapatisten nicht nur durch ihren Aufstand und den bewaffneten Schutz ihrer Autonomie, sondern auch und gerade über symbolische Repräsentation und Performativität nationale und internationale alternative autonome Räume errichten. Das soll besonders anhand ihrer Wandbilder aufgezeigt werden.

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